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Grenzgänger zwischen Klassik und Elektro

Nils Frahm im KFZ Grenzgänger zwischen Klassik und Elektro

Zum Bersten voll war das KFZ am Mittwochabend. Dort gastierte der in der Berliner Neoklassik-Szene gefeierte Pianist Nils Frahm.

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Nils Frahm am Flügel des KFZ: Sein neues Album verschenkt er, denn Stücke, die er nach einem Daumenbruch mit neun Fingern komponiert habe, könne er nicht verkaufen.Foto: Ben Wangler

Marburg. Im Sommer 2012 stürzte der in der Berliner Neoklassik-Szene gefeierte Pianist Nils Frahm von seinem Hochbett und brach sich den linken Daumen. Bis der Daumen verheilt war, experimentierte er mit nur neun Fingern, komponierte dabei genau neun Stücke und veröffentlichte sie im Dezember 2012 in dem Album „Screws“.

Sein Auftakt im KFZ hatte ebenso mit dem Sturz vom Hochbett zu tun: „Meine Ärztin schlug mir damals vor Schlagzeug zu spielen“, erklärte Frahm und wedelte mit zwei Klobürsten, mit denen er sodann ein Soundexperiment vorführte: Er schlug, strich, tippte, rieb und kratzte im Korpus des Piano direkt auf den Saiten. Das Ergebnis war minimalistischer „Elektro“ mit sehr langem Spannungsbogen, voll dunkler, drohender psychedelischer Kraft.

Die darauf folgenden Stücke waren weitaus weniger experimentell, an einigen Stellen sehr eingängig und heiter, an anderen Stellen etwas anstrengend, trotzdem immer hypnotisch: Ein markantes Beispiel dieser Anziehungskraft war „Said And Down“, bei dem Frahm mit einer Hand ununterbrochen einen Ton anschlug, als ob er auf der Stelle treten würde; nach einer Weile folgte die zweite Hand mit einer tröstenden Harmonie – es schien ein Wettstreit zu entstehen zwischen Minimalismus und klassischer Spielweise, der in einem klirrenden Strudel seinen Höhepunkt erreichte und dann in einem düsteren Zusammenspiel zu Ende ging.

Das neue Album gibt es kostenlos als Download

In Frahms Musik findet man Einflüsse von Steve Reichs Minimal Music und Arvo Pärts kontemplativer Klassik, man denkt auch an den Jazzpianisten Keith Jarrett, vor allem bei den poppigeren Stücken. In seinen Aufnahmen betont Frahm die Natur und Originalität des Piano: Die Mikros sind so dicht am Klangkörper angebracht, dass man Frahms Anschläge und die Bewegungen der Saiten hört. Man lauscht dem Atem des Instruments. Ursprünglich und intim, besinnlich und nahezu transzendent erschafft der Künstler live einen Ort privater Meditation. Die Bühne ist spärlich beleuchtet, gedimmtes Licht zeichnet Frahm am Piano in schattenhafter Kontur, umhüllt von Bühnennebel. Die Stücke fließen dahin, man vergisst sich und gibt sich einem Sog hin, der heiter und erhaben zugleich ist.

Kritiker zählen Frahm zu den „wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Piano-Romantik“ (Ambient-Festival Köln). Passend dazu spielt er oft in Kirchen. Sein Album „The Bells“ (2009) nahm er in der Grunewaldkirche in Berlin auf, im Januar dieses Jahres spielte er in der Basilika St. Aposteln in Köln und am 11. Juli 2013 wird er in der St. John’s at Hackney Church in London auftreten. Dort sind Akustik und Ambiente natürlich bemerkenswert, doch schaffte Frahm es problemlos, die Magie seiner Musik auch im KFZ zu entfalten.

Sein aktuelles Album „Screws“ kann man auf seiner Webseite kostenlos downloaden, er möchte es verschenken, denn „Stücke, die ich nur mit neun Fingern komponiert habe, kann ich nicht verkaufen“.

von Ben Wangler

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