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Grausames Ende einer Hoffnung

„Das Tagebuch der Anne Frank“ Grausames Ende einer Hoffnung

„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde schon oft verfilmt. Nun kommt das Porträt des jüdischen Mädchens, das sich vor den Nazis versteckt, erneut ins Kino.

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Anne Frank (Lea van Acken) schreibt in einer Kammer unterm Dach an ihrem Tagebuch. Die neue Kinoverfilmung erzählt die Geschehnisse aus ihrer Sicht.

Quelle: Universal Pictures

Marburg. Anne Franks Tagebuch gehört zu den Büchern, die man unbedingt gelesen haben sollte – gerade angesichts des aufflammenden rechten Denkens in Europa. Eindringlich beschreibt das jüdische Mädchen, wie es in einem Versteck in Amsterdam den Zweiten Weltkrieg und die Schreckensherrschaft der Nazis erlebt. Viele Male wurde das Schicksal ihrer Familie verfilmt. Nun erzählt Hans Steinbichler als erster deutscher Regisseur die Geschichte fürs Kino. „Das Tagebuch der Anne Frank“ spielt zwischen 1942 und 1944, als die Franks untertauchten und schließlich verraten und deportiert wurden.

Der Film erzählt konsequent aus Annes Sicht und offenbart dadurch, wie absurd und unmenschlich der Naziterror und vor allem die Verfolgung der Juden war. Denn was unterschied Anne und ihre Freunde von den anderen Jugendlichen? Nichts.

Nach mehr als 70 Jahren noch aktuell

Mit Lea van Acken in der Hauptrolle ist dem Münchner Filmemacher ein anrührendes, packendes Porträt eines mutigen Mädchens gelungen, das bis zuletzt an seine Stärke glaubt und dessen Hoffnungen auf eine gute Zukunft so grausam vernichtet werden. Was Anne zwischen 13 und 15 Jahren im Trotz der Pubertät in ihr Tagebuch schreibt, ist auch mehr als 70 Jahre nach ihrem Tod im KZ Bergen-Belsen Anfang 1945 immer noch aktuell. Das macht den vom Anne-Frank-Fonds in Basel geförderten Film nachvollziehbar für Jugendliche heute. Anne ist keine unnahbare Ikone, sondern ein normaler Teenager zwischen Freude und Traurigkeit, der gegen Eltern rebelliert, albern ist, schwärmt, träumt und sich trotz aller Widrigkeiten die Zukunft ausmalt.

Der Film beginnt 1942, als alles noch in Ordnung ist – weitgehend. Die Franks haben ihre alte Heimat Frankfurt wegen zunehmender Repressalien verlassen, aber in Amsterdam fühlen sie sich recht wohl. Anne – Spitzname Quecksilber – feiert ihren 13. Geburtstag fröhlich mit vielen Freundinnen. Doch die Stimmung kippt langsam. Alle müssen gelbe Judensterne tragen und die Anfeindungen nehmen zu. Gerüchte von Arbeits- und Todeslagern machen die Runde. Als Annes 16-jährige Schwester Margot zum Arbeitsdienst einberufen werden soll, taucht die Familie ab. Nur wenige Menschen wissen, dass sie sich in den oberen Stockwerken eines Hinterhauses verbergen und dort tagsüber auf Zehenspitzen umherschleichen, um sich nicht zu verraten.

Unterschlupf auf engstem Raum

Hier fängt Steinbichlers Film erst so richtig an. Bis zum Schluss gibt es kaum Bilder von draußen. Acht Leute finden am Ende in den verschachtelten Räumen Unterschlupf, auf wenigen Quadratmetern spielt sich ihr Leben ab: das Essen, die Reibereien, Dramen des Alltags wie zerbrochene Porzellantassen und kleine Sticheleien, erschwert durch die räumliche Enge und die Ängste. In dieser ohnehin angespannten Lage kommt Annes Pubertät richtig in Fahrt. Sie versinkt im Weltschmerz, fühlt sich ungeliebt und unverstanden. Vor allem mit der Mutter, eindringlich gespielt von Martina Gedeck, gibt es Zoff. Innig dagegen verehrt sie den Vater (Ulrich
Noethen), der als einziger den Holocaust überlebte und 1947 ihr Tagebuch öffentlich machte.

Steinbichler verzichtet darauf, wie andere Verfilmungen den großen historischen Bogen zu spannen. Es gibt keine Bilder von Nazi-Paraden oder von geschundenen Menschen. Stattdessen konzentriert sich alles auf Anne und ihre genauen Beobachtungen. Mit dieser streng subjektiven Sicht zieht der Film die Zuschauer in seinen Bann und lässt ihn mitfühlen, etwa wenn eines Nachts das Feuer der Bomben hinter dem Vorhang bedrohlich aufflackert und dazu ohrenbetäubend Flugzeuge dröhnen und Einschläge donnern.

Die Traumwelt eines jungen Mädchens

Trotz aller Ängste und Einschränkungen ist es eine Atmosphäre, in der eine bescheidene Hoffnung gedeihen kann. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird“, notiert die mittlerweile 15-Jährige am 15. Juli 1944 in ihr Tagebuch. Am 21. Juli wagt sie die schüchterne Hoffnung, dank der Alliierten im Oktober vielleicht wieder in die Schule gehen zu können.

In diese Traumwelt eines jungen Mädchens platzt dann aber doch eines Tages unerwartet das Grauen: der Verrat, die Gestapo-Männer, die mit Gewehren die Hinterhaus-Bewohner abführen. Ein Schock, auch für den Zuschauer, kann er sich doch im Laufe des Films der leisen Hoffnung nicht erwehren, dass für dieses lebensfrohe, mutige Mädchen und ihre Familie vielleicht doch alles noch gut ausgehen könnte.

von Cordula Dieckmann

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