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Grandioser Erzähler auf dem Klavier

Konzertverein: Alexander Schimpf Grandioser Erzähler auf dem Klavier

Ältere Zuhörer erinnern sich an das „Akademische Viertel“, mit dem der Konzertverein früher seine Konzerte beginnen ließ. Am Dienstag feierte er mit einer neuen Einheit Premiere: dem „Akademischen Doppelviertel“.

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Alexander Schimpf widmete sich bei seinem Auftritt im Erwin-Piscator-Haus zwei Giganten der Romantik: Johannes Brahms und Franz Schubert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Mit 35 Minuten Verspätung begann der Klavierabend im Erwin-Piscator-Haus. Schuld daran war nicht der ­Pianist Alexander Schimpf, sondern eine Schlange von kurzentschlossenen Konzertbesuchern, die noch kurz vor acht quer durchs Foyer von der Abendkasse bis fast zum Gastronomiebetrieb reichte.

Manfred Eckhardt, dem Geschäftsführer des Konzertvereins, gelang es einfach nicht, pünktlich alle Kartenwünsche zu befriedigen – zumal viele Interessenten den Eindruck erweckten, „als wollten sie nicht eine simple Eintrittskarte kaufen, sondern einen Kaufvertrag für ein Eigenheim abschließen“, sagt Eckhardt.

Solange bis ein Nachfolger für die langjährige Abendkassen-Verkäuferin gefunden ist, muss er selbst die Tickets an den Mann und die Frau bringen. Die Frage, ob eine zweite Kraft nicht eine spürbare Entlastung brächte, verneint er. Das sei in großen Konzerthäusern sinnvoll, aber nicht bei einem vergleichsweise kleinen Veranstalter wie dem Marburger Konzertverein.

Künstler gar nicht unfroh über Verzögerung

Das Publikum wird also weiter mit einem verspäteten Beginn der Konzerte leben müssen. Allerdings darf es künftig erwarten, rechtzeitig darüber informiert zu werden. Am Dienstag trat Vorsitzender Dr. Friedemann Nassauer erst vors Auditorium, als die Zuhörer bereits eine halbe Stunde zunächst erwartungsvoll, nach und nach zunehmend unruhiger und ungehaltener im Saal saßen – viel zu spät also.

Gut, dass wenigstens der Pianist gute Miene zum bösen Spiel machte. Alexander Schimpf soll gar nicht so unfroh über den späteren Beginn gewesen sein, „da er doch etwas knapp vor Beginn den Konzertort erreichte“, wie Eckhardt auf Nachfrage ­berichtet. Schimpf stellte in seinem 85-minütigen Programm zwei Giganten der Romantik ­einander gegenüber, die beide wesentliche Inspirationen aus dem Hauptort ihres Wirkens gewonnen haben.

Während Franz Schubert das Wienerische in die Wiege gelegt wurde, musste der Hamburger Johannes Brahms es sich erst erarbeiten. Aber wie er dies tat, das ist bei jedem Hören seiner Meisterwerke immer wieder ein Hochgenuss.

Die acht Klavierstücke op. 76 hat er 1878 komponiert, als er sich endgültig in Wien niederließ. Schimpf erwies sich gleich im ersten Capriccio, das Brahms im Balladen-Ton gehalten hat, als grandioser Erzähler auf den schwarz-weißen Tasten. Seiner phänomenalen Virtuosität, die er auch in den drei anderen Capriccios ausspielen durfte, stellte er in den eher nach innen­ ­gerichteten vier Intermezzi die feinsinnige Gestaltungskraft ­eines Poeten gegenüber.

„Künstlergespräch“ sollte zur Tradition werden

Auf dieses Werk des mittleren Brahms, das noch deutlich von geballter Dramatik bestimmt ist, ließ Schimpf dann die drei Intermezzi op. 117 folgen, mit denen der alternde, öffentlich hochgeehrte Komponist 1892 seiner inneren Einsamkeit ergreifenden Ausdruck gab. Zutreffend hat er sie selbst „Wiegenlieder meiner Schmerzen“ genannt. Schimpf leitete mit seiner eindringlich den verborgenen Text aufspürenden Wiedergabe über zu Schuberts Sonate B-Dur D 960, die 1828 kurz vor dem Tod des 31-jährigen Komponisten entstanden ist.

Denn der Ton, den Schubert im fast 25-minütigen Kopfsatz seines musikalischen Vermächtnisses anschlägt, ist ähnlich kontemplativ wie in den drei Brahms-Intermezzi. Und im folgenden cis-Moll-Andante-sostenuto herrscht wie bei Brahms ein Trauerton, der jedoch auch trostreiche Momente birgt. Auch in diesen beiden Sonatensätzen ist von Abschied und innerer Einsamkeit die Rede – und Schimpf ließ dies durch sein feinsinniges Spiel in allen Facetten Klang werden.

Zwei kurze Sätze vorwiegend heiteren Charakters beschließen Schuberts B-Dur-Sonate,­ die mit 45 Minuten genauso lange dauert wie Beethovens ­­
„Eroica“-Sinfonie. Schimpf ­stellte dort seine mitreißende Musizierfreude unter Beweis. Dem enthusiastischen Applaus der 530 Zuhörer dankte­ er mit der Bearbeitung einer ­Sopran-Arie von Johann Sebastian Bach.

Im Anschluss stellte sich der sympathische Pianist beim „Künstlergespräch“ im Panoramasaal der Stadthalle den Fragen von etwa 50 Zuhörern. Moderiert wurde es kenntnisreich von Professor Lothar Schmidt, dem Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts, finanziell unterstützt vom Fachdienst Kultur, dessen Chef, Dr. Richard­ Laufner, am Gespräch teilnahm. Ein geglücktes „Experiment“, das zur Tradition werden sollte.

von Michael Arndt

 
 
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