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Glaube, von Zweifeln durchdrungen

Marburger Konzertchor Glaube, von Zweifeln durchdrungen

Siegfried Heinrich und seine Chöre machen aus der Not, der Verbannung aus der Bad Hersfelder Stiftsruine, eine Tugend und widmen sich selten gespielten musikalischen Kleinoden.

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Umsichtig dirigierte Siegfried Heinrich den Marburger Konzertchor in der Waldorfschule.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. So wird der von Heinrich künstlerisch geleitete Arbeitskreis für Musik vom 5. bis 11. Juli im Bad Hersfelder Bachhaus und in der Wasserburg-Ruine Friedewald unter dem Motto „Von Bach bis Offenbach“ heitere Operetten- und Opern-Einakter sowie szenische Kantaten auf die Bühne bringen, die im normalen Opern-Alltag kaum zu erleben sind.

Und die Einstudierung von Gioachino Rossinis „Petite messe solennelle“ ist ebenfalls der Tatsache geschuldet, dass durch den Wegfall der Festspielkonzerte und Opernaufführungen in der Stiftsruine die Finanzierung groß besetzter Chor-
Orchester-Konzerte für Heinrich und seine drei Chöre schwieriger geworden ist.

Ungewohnte Startschwierigkeiten

„Klein“ (petite) ist Rossinis Meisterwerk jedoch nur, was die auf ein Orchester verzichtende Besetzung angeht. Die Anforderungen an die vier Gesangssolisten und den Chor sind genauso hoch wie in Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“, die der langjährige Dirigent des Marburger Studenten-Sinfonie-Orchesters, Ulrich Manfred Metzger, zurzeit in Frankfurt, Hersfeld und Marburg mit dem neu gegründeten Hessischen Konzert- und Festspielchor für zwei Aufführungen in der Hersfelder Stiftsruine probt. Aufgrund der kammermusikalischen Textur treten Schwächen bei Rossini deutlicher zutage als bei Verdi.

So brauchte der Marburger Konzertchor am Sonntagnachmittag in der Aula der Waldorfschule einige Zeit, bis er die von ihm gewohnte Intonationssicherheit und klangliche Homogenität erreicht hatte. Die beiden Doppelfugen, die das „Gloria“ und „Credo“ krönen, besaßen nicht die von Rossini beabsichtigte federnde Leichtigkeit, sondern klangen nach harter Arbeit.

Wohler fühlten sich die dann empfindsam und eindringlich phrasierenden circa 60 Sängerinnen und Sänger unter Heinrichs umsichtiger Leitung zum Beispiel im A-cappella-
„Sanctus“ und im abschließenden „Agnus Dei“, in dem Rossini genauso wie im einleitenden „Kyrie“ offenbart, dass sein Glaube von zahlreichen Zweifeln durchdrungen ist.

Der Meister des Belcanto hat in seiner „kleinen Messe“, die der 72-Jährige vier Jahre vor seinem Tod als sein vielleicht persönlichstes Werk komponiert hat, auch Rückschau gehalten auf seine 35 Jahre zuvor mehr oder minder aus freien Stücken beendete Ära als Opernkomponist – vor allem in den Gesangssoli.

Heinrich verströmt dunklen Bass-Balsam

Die beiden Sopran-Arien „Cruzifixus“ und „O salutaris hostia“ offenbaren eine Tiefe des Ausdrucks, für die es mehr braucht als nur „ein wenig Herz“, wie Rossini selbstironisch untertrieben hat. Marta Gamrot-Wrzoł widmete sich ihnen mit warm leuchtender Mittellage und silbrig glänzender Höhe, harmonierte ideal mit Barbara Buffy im „Qui-tollis“-Duett.

Die Altistin besaß zudem den großen lyrischen Atem für das „Agnus Dei“, das sie mühelos in dramatischen „Miserere“-Aufschreien gipfeln ließ. Christoph Heinrich verströmte dunklen Bass-Balsam im „Quoniam tu solus sanctus“, während Michael Chacewicz für die Tenor-Arie „Domine Deus, rex coelestis“ die nötige Belcanto-Geschmeidigkeit vermissen ließ.

Am Flügel und Harmonium wechselten sich Sulki Park und Bongju Lee mit klangfarbenreichem Spiel ab. Park bestach auch solistisch mit dem „Prélude réligieux“, das Rossini als „Offertorium“ dem „Sanctus“ vorangestellt hat – dabei auf Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ zurückblickend und zugleich in die Zukunft schauend.

Die knapp 100 Zuhörer dankten allen Mitwirkenden mit langanhaltendem Applaus – viele von ihnen in Vorfreude auf Händels „Messias“, den Heinrich und seine Chöre im Advent aufführen wollen.

von Michael Arndt

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