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Gibt es ein Leben nach WhatsApp?

OP-Buchtipp: John von Düffel: „Klassenbuch“ Gibt es ein Leben nach WhatsApp?

Ständig digital unterwegs sein – und dabei kaum kommunizieren? Mit sprachlicher Raffinesse kämpfen Jugendliche in „Klassenbuch“ vermeintlich mit dem Erwachsenwerden. Doch steckt viel mehr dahinter.

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Der Schriftsteller John von Düffel spürt in seinem neuen Roman dem digitalen Alltag Jugendlicher nach.

Quelle: Jens Kalaene

Man lebt nur zweimal, heißt es im neuen Buch von John von Düffel. Aber nicht etwa so, als würde es James Bond in einer Zeit sagen, als Gut und Schlecht noch eindeutig zu trennen 
waren. Nein, man lebt nur zweimal – im Roman „Klassenbuch“ ist es verpackt in einen jugendlichen Hashtag: #YOLT, you 
only live twice. Es gibt das gute Leben, und es gibt das beschissene. „Es wird besser“ stellt von Düffel als Zitat voran. Darunter steht: „Es wird schlimmer“.

„Klassenbuch“ ist ein Sonnensystem: Neun Schüler der Oberstufe kreisen um ihren Stern, Frau Höppner. Ein literarischer Mikrokosmos aus Aufsätzen, Briefen, Mails, Blog-Einträgen und Erörterungen an ihre Lehrerin. Und die muss dabei selbst so blass und gesichtslos bleiben, damit die Protagonisten umso heller scheinen können. Die Lehrerin ist die stumme Kraft, die alles zusammenhält.

Gedanken flattern immerzu weg

John von Düffel ist ein Schreibwütiger. Wie Stilübungen kommen seine 19 Episoden daher. Jeder der Figuren legt er eine eigene Sprache in den Mund und schnallt ihnen ein anderes Sein auf den Rücken. Jugendlichen Konformismus gibt es hier nicht. Dabei vernachlässigt der 50-jährige Autor keinen 
seiner Protagonisten. Er führt niemanden vor, benachteiligt keinen. Jede und jeder hat seine Poesie. „Beim Auflegen hatte sie Scherben in den Augen“, lässt von Düffel seine Bea einmal sagen, als sei es ein einzeiliges Gedicht.

Da ist zum Beispiel auch Erik („Wenn ich eigentlich gar kein Junge oder junger Mann bin und auch nicht das Gegenteil, das genaue, Mädchen oder Frau, sondern das Gegenteil des Gegenteils – ein Elf?“), der Träumer, der dem Unterricht nicht folgt, weil seine Gedanken immerzu wegflattern. Der mit sich uneins ist, in sich verkrampft und nach dem lösenden Moment sucht.

Da sind Emily, Tochter aus gutem Hause, die sich über die Schulkantine echauffiert („wenn ich das essen muss, um zu leben, sterbe ich lieber“), oder Stanko („das Gedächtnis 
sitzt nicht bloß im Kopf, am 
allerwenigsten dort“), ein Balkan-Flüchtling zweiter Generation, dem die Angst der Eltern durch den eigenen Körper geht. „Den Brief habe ich auf den Küchentisch gelegt, Blickrichtung Friedhof“, schreibt Annika einmal. Von Düffel ist hier ein Meister der Halbsätze.

Dramaturgische Sätze zeichnen die Figuren

„Klassenbuch“ ist ein zweigesichtiger Roman: Nach der ersten Hälfte, dem vermeintlichen Es-wird-besser-Teil, verschiebt von Düffel die Koordinaten. In neuen Umlaufbahnen folgt der Es-wird-schlimmer-Teil. Das, was zuerst als Einzelepisoden lose in der Luft hängt, wird nunmehr ein dichtes Gewebe von Abhängigkeiten, Querverweisen und Offenbarungen. Der Text zieht sich zusammen.

Aufgewachsen auf den Britischen Inseln und in den USA, promoviert der Philosoph von Düffel als 23-Jähriger in Freiburg. Schnell etabliert er sich als einer der meistgespielten Dramatiker auf deutschen Bühnen. Zuletzt wurde im vergangenen Herbst sein Stück „Martinus Luther“ in Münster uraufgeführt. Daneben ist er Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und verzeichnet auch mit seinen 
Romanen große Erfolge – etwa 
für „Vom Wasser“, „Ego“ und „Houwelandt“.

Dass von Düffel in „Klassenbuch“ beim Jargon der Jugendsprache meist einigermaßen danebenliegt, scheint gewollt. Die Worte der Schüler sind nicht aus dem Alltag gezupft. Im einem Interview bezeichnet der Autor sie denn auch als „Gedankenstimmen“. Es sind dramaturgische Sätze, welche die Konturen der Figuren zeichnen.

Ein Narrativ der Digitalisierung

Der Computer-Zocker Lenny 
unterschreibt mit „bot bless you“ und Blogschreiberin Marilyn/Nina („gesichter sind sexmasken, die uns die natur zu werbezwecken vor die seele schnallt“) lebt ihr Ich in der virtuellen Welt aus, weil die Realität nur Horror bereit hält.

John von Düffel geht es – obwohl er Probleme wie Magersucht, Selbstmord, Missbrauch oder Sexualität thematisiert – nicht vorrangig um pubertäre Entwicklungen. Eher stellt sich die Frage: 
Zeigen die Jugendlichen eine Art Gesellschaftszustand? Der Roman ist weniger ein Coming-
of-Age-Kaleidoskop denn ein Narrativ der Digitalisierung.

Die Schüler sind in die moderne Technik hineingeboren, mit ihr verwachsen. Wie sich ihre virtuelle Welt vor den Eltern verschließt, so isolieren sie sich gegenüber der realen Umgebung. 
Einmal schimpft Henk: „Siri, 
ich warne dich, ich habe den Daumen am Powerknopf!“
Doch das digitale Leben verlassen? Gar nicht so einfach. Denn gibt es ein Leben nach WhatsApp?

  • John von Düffel: „Klassenbuch“, Dumont, 318 Seiten, 22 Euro.

von Sebastian Fischer

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