Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Gibt es die Liebe im Jenseits?

Theaterfestival Gibt es die Liebe im Jenseits?

Gleich zwei Stücke, die sich mit dem Schicksal von Anne Frank beschäftigen, waren im Rahmen des Kinder- und Jugendtheaterfestivals KUSS zu sehen - aber mit völlig anderem Ansatz.

Marburg. Mit „Anne Frank“ brachte das Junge Staatstheater Kassel ein eindrucksvolles Soloprogramm von Dieter Klinge auf die Bühne, das sich eher eng an das Schicksal des jüdischen Mädchens hält.

Anne Frank (Sabrina Ceesay) bekommt zum 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 ein Tagebuch geschenkt. Sie will es nicht mit Tatsachen füllen, sondern es wie die Freundin behandeln, die ihr fehlt und schreibt Briefe an „Kitty“. Das Publikum fühlt sich schnell selbst als „Kitty“ und taucht ein in die emotionale Achterbahnfahrt des jungen, jüdischen Mädchens im zweiten Weltkrieg.

Eine berührende Begegnung im Jenseits

Zusammen mit sieben anderen Bewohnern zieht die Familie Frank 1942 in ein Versteck. Auf engem Raum wandelt Anne zwischen Hoffnung, Wut, Sehnsucht und Angst - und der Liebe. Immer wieder wenn sich Anne wohl und sicher fühlt, reißen sie laute Sirenen und Gewehrsalven aus ihrer Traumwelt. Auch wenn sie im Versteck eingesperrt ist, erkennt sie: „Aber wir leben noch.“ Sabrina Ceesay überzeugt in mitten der kargen Bühne mit vielen Kisten, die sie im Verlauf der Geschichte immer wieder neu arrangiert. Sie werden zu Tisch, Stuhl, Sofa oder einem kleinen Spalt, in dem sie sich vor der Polizei versteckt. Das Ende intensiviert den Eindruck des Theaterstückes und macht das Schicksal der Anne Frank einmal mehr unvergesslich.

Die gleiche und doch eine ganz andere Geschichte erzählt „Anne und Zef“, mit dem das Theaterhaus Ensemble Frankfurt in Marburg zu Gast war. Ihre Geschichte spielt im Jenseits, in dem der 15-jährige Albanier Zef ankommt, nachdem er der Blutrache zum Opfer gefallen ist. Er trifft auf eine berühmte Tote: Anne Frank, die schon seit ihrem Tod in Auschwitz 1945 im Reich der Toten weilt. Trotzdem ist sie sehr lebendig und neugierig auf Zefs Geschichte.

Der spielt ihr vor, wie seine Familie in die endlose Kette von Blutrache geriet, der auch er zum Opfer gefallen ist.

Zwei Jahre hatte er nicht das Haus verlassen, um der Rache der verfeindeten Familie zu entgehen, ebenso lang musste Anne sich mit ihrer Familie in einem Hinterhaus vor dem Terror der Nazis verstecken. Und dennoch steht für beide am Ende der Tod.

Anne und Zef kommen aus unterschiedlichen Welten, haben ganz unterschiedliche Schicksale, aber beide sind an einer Form systematischen Mordens und der Unfähigkeit der Menschen, sich dagegen aufzulehnen, zugrunde gegangen. Das Ensemble erzählt diese Geschichte in einer Mischung aus eindrücklichem Ernst jenseits der Betroffenheitsschiene und gönnt dem jungen Publikum auch befreiende, unterhaltsame Momente. Anne und Zef sind tot - aber trotzdem vitale, starke Persönlichkeiten. Anne hat mit ihrem Leben und Sterben ihren Frieden gemacht, Zef tut es ebenfalls. Und dann gibt es für die beiden sogar so etwas wie ein kleines Happy End. Gibt es die Liebe im Jenseits? Hoffentlich.

Etwas ganz anderes bekam das Publikum beim Gastspiel des AktionsTheater Kassel zu sehen. „Blaues Blut“ hieß die ungewöhnliche Inszenierung, die in der Turnhalle der Schwanhof-Schule gezeigt wurde - so viel Raum braucht das Ensemble, um sein in einem Märchen- und Traumreich spielendes Stück aufführen zu können. Die Zuschauer saßen ringsum an den Wänden, während die Darsteller an einer großen Tafel in der Mitte Platz nahmen, um ein stilisiertes Märchen zu erzählen - ohne Happy End.

Eine Mischung aus Mythos und Farce

Grundlage ist eine keltische Sage, nach der ein König nach dem Tod seiner Frau in tiefe Verzweiflung fällt und keine andere zur zweiten Frau nehmen will als seine eigene Tochter. Die flieht vor dem Vater, kann ihrem Schicksal aber nicht entrinnen und muss am Ende sterben.

Das Aktionstheater Kassel erzählte diese Geschichte mit vielen einprägsamen und skurrilen Bildern, als Mischung aus Mythos und Farce.

Sehr langsam und voll Pathos entwickelt sich die Geschichte - für viele gewiss zu langsam, um über anderthalb Stunden lang den Spannungsbogen aufrecht zu halten. So bleiben am Ende zwar eindringliche Bilder im Gedächtnis haften, doch der Handlung um Liebe, Erwachsenwerden und Verdammnis fehlte zu sehr der nötige Bezug zur Lebenswelt der jungen Zuschauer.

Von Heike Döhn und Mareike Bader

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr