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„Gewalt kommt durch Langeweile“

Jugendliche zeigen "Kehrseite" „Gewalt kommt durch Langeweile“

In einer Mischung aus Film und Livemusik thematisierten Jugendliche aus dem Marburger Waldtal in der Waggonhalle ihre Alltagskultur. In „Die Kehrseite“ schildern sie ihre Sorgen und Nöte, ihre Wut und Hoffnungen.

Marburg. Das Waldtal. Bekannt für seine vielen Menschen mit geringem Einkommen, bekannt als „Problemviertel“. „Viele Menschen arbeiten im Saisongeschäft, wie die zahlreichen Schrotthändler und Schausteller oder auch in geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen, die kaum zur eigenständigen Existenzsicherung ausreichen. Ein Großteil der Marburger Obdachlosen lebt im Waldtal.“ Das schreibt der Arbeitskreis Soziale Fragen (AKSB), der als gemeinnütziger Verein im Waldtal tätig ist, auf seiner Homepage.

Der Bevölkerungsanteil der ausländischen Bevölkerung liege bei 20 Prozent, etwa 30 Nationalitäten seien vertreten, unter denen Sinti und Roma sowie Deutschrussen den größten Bevölkerungsanteil stellen. Und außerdem: „Ein großer Teil der Bevölkerung des Stadtteils sind Kinder und Jugendliche.“

Diese Jugendlichen standen am Mittwochabend in der Waggonhalle im Mittelpunkt. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Jung und alt waren gekommen, um das Projekt „Die Kehrseite“ zu sehen, das etwa 30 junge Menschen zwischen 9 und 20 Jahren aus dem Waldtal erarbeitet hatten. Zu erleben war eine Mischung aus Gesang, Rap und Hip Hop, Breakdance, Graffiti, Beatboxing und Filmsequenzen. Und sie taten es cool und vor allem stolz. „Siehst du nicht, wie wir uns entwickeln, wie wir uns bemühen, in einem Land voll verschlossener Türen“, so sangen und rappten sie. Oder: „Wenn ich kein Sprayer wär, dann wär ich auf der schiefen Bahn.“ Und auch: „Siehst du nicht, wie wir uns integriern, wie wir uns jeden Tag bemühn. In einem Land voll verschlossner Türn kannst du die Kälte auf der Straße spürn.“

„Wir zeigen euch die Kehrseite“ war angekündigt worden. Dass es von allem eine andere Seite gibt, den Konflikt zwischen Gut und Böse, zwischen Sängern und Rappern, zwischen Waldtal und Studentendorf. Oder auch „die Kehrseite der Akademikerkinder“, wie der 19-jährige Rapper Maxolan den Titel auslegt.

Besuch im Kanzleramtwar Anstoß zu dem Projekt

Den Anstoß zu dem Projekt hatte ein Auftritt in aller Öffentlichkeit gegeben. 2011 waren viele Jugendliche mit Migrationshintergrund in das Bundeskanzleramt eingeladen gewesen, wo sie von der Integrationsbeauftragten Maria Böhme empfangen wurden.

„Es hatte wieder so ein Schulterklopftermin werden sollen“, schrieb „Der Spiegel“ eine Woche später. Vier der Anwesenden, Jugendliche aus dem Waldtal, betraten die Bühne, sie hatten eine Erklärung vorbereitet. Aus dem Schulterklopftermin wurde nichts. „Nichts ist gut hier. Wir haben ein hartes Leben“, so lautete die Botschaft. „Vor zwei Wochen wurde ein Kumpel, ein Bruder, in den Irak abgeschoben. Obwohl er hier geboren wurde.“ Um die Geschichte des abgeschobenen Freundes rankt sich der Film, den die Gruppe zeigte. Und um den Konflikt zwischen einer Gruppe von Mädchen und einer Gruppe von Jungs und wie sie es schafften, gemeinsam statt gegeneinander zu sein. Alles beruhte auf wahren Begebenheiten, betonen die Jugendlichen.

Ihnen war am Mittwochabend vor allem der Spaß anzumerken, den sie beim Rappen, Singen und Breakdancen haben. Der Saal tobte.

Die Texte schrieben die Jugendlichen fast alle selbst. Sie beschreiben, was sie so umtreibt, das meiste ist autobiografisch. „Meistens sag ich mit meinen Texten meine Meinung zu der Welt“, erklärt der 14-jährige „Rippah“. Drei Monate lang machten sie sich an jedem Wochenende Gedanken über das Drehbuch und die Raps.

„Gewalt kommt durch Langeweile“, sagt Sergej Schmidt, der im ökumenischen Sozialzentrum St.-Martin-Haus mit den Jugendlichen zusammenarbeitet. „Wir verbringen unsere Freizeit damit, es bringt uns Spaß, Selbstbewusstsein und Anerkennung“, sagt der 19-jährige Rapper Maxolan, der im Waldtal das Hip-Hop-Projekt mitinitiiert hat.

Weitere Projekte sind in Planung, direkt im Anschluss wird man sich mit Graffiti auseinander setzen. „Das entspricht vielleicht Klischees, aber es sind Dinge, die sie interessieren und bei denen sie mitmachen“, sagt Aljoscha Tischkau, pädagogischer Mitarbeiter und zuständig für das Hip-Hop-Projekt im St. Martin Haus.

von Kristina Gerstenmaier

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