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„Geschichte erzählen und bewahren“

Regie-Legende Edgar Reitz „Geschichte erzählen und bewahren“

Die Regie-Legende Edgar Reitz war am Wochenende zu Gast im Filmkunsttheater Kammer. 
Anlass war die Präsenta-
tion der digitalisierten Version seines Jahrhundert-Epos „Heimat I“.

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Professor Karl Prümm (von links), die Marburger Verlegerin Annette Schüren, die Regie-Legende Edgar Reitz und Kinobetreiber Hubert Hetsch stellten sich für das OP-Bild auf.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Als Edgar Reitz‘ elfteilige Serie „Heimat – Eine deutsche Chronik“ 1984 über die TV-Bildschirme der Republik flimmerte, schauten Millionen Menschen zu, erlebten mit den Menschen in dem fiktiven Hunsrück-Dorf „Schabbach“ Geschichte mit, die eigene, die der Eltern, die der Großeltern. Bis heute gilt die Reihe, die weltweit Furore machte, als Ereignis.

Der Marburger Medienwissenschaftler Professor Karl Prümm sprach am Sonntagvormittag mit dem Regisseur Edgar Reitz über dessen Intentionen, dessen Werdegang und den Heimatbegriff. Ein kluges, ein spannendes Gespräch.

Die „Wahrheit“ der Bilder

Wüsste man nicht, dass Reitz inzwischen 83 Jahre alt ist, man würde es nicht glauben: Eloquent und hochkonzentriert stand er Prümm Rede und Antwort. Edgar Reitz‘ „Heimat“ sei „eine Zeitreise zurück in die eigene Vergangenheit“, sagte Prümm. Eine Zeitreise gleich in mehrfacher Hinsicht – einmal gut 30 Jahre zurück, als „Heimat – Eine deutsche Chronik“ im Fernsehen lief und Filmgeschichte schrieb. Und bei älteren Menschen noch weiter zurück in die eigene Kindheit und Jugend, die sie in diesen dichten Bildern wiederentdecken.

Die Authentizität des Films macht den ungeheuren Reiz aus, den diese dicht verwebte Geschichte auf den Betrachter ausübt. Reitz selbst sprach von der „Wahrheit“ der Bilder. Er habe Geschichte erzählen, Geschichte bewahren wollen und dafür eigene Bilder finden müssen. Jede Szene sei eine „bewusste Entscheidung, jedes Bild eine Tiefenlotung auch der Charaktere“.

Man müsse als Regisseur mehr zeigen als nur ein zufälliges Dabeisein. „Alles, was wir zeigen, hat eine Geschichte“, sagte Reitz. Die Schuhe, die Kleidung, die Gegenstände. „Jeder Mensch ist nicht zu trennen von Ort und Zeit. Ohne Ort und Zeit ist kein Film glaubwürdig“, betonte Reitz, der „Heimat“ im Hunsrück gedreht hat, in der Region, in der er aufgewachsen ist.

Reitz hat auch gegen die Redakteure des Fernsehens durchgesetzt, dass der Film in Hunsrücker Mundart gedreht wurde. Aus Sicht des Fernsehens unmöglich, doch der Erfolg gab ihm recht: Die Geschichte der Maria Simon und ihrer Familie, die Reitz über 82 Jahre von 1919 bis 1982 begleitet, ist „eine universelle Geschichte“, so der Regisseur. „Sie wird verstanden, weil sie echte Menschen zeigt, durch den Blick in die Figuren.“

Rekonstruktion dauert fünf Jahre

Auch der Titel der Reihe, die er auf 35-Millimeter-Material für die große Leinwand drehte, war damals hochriskant. „Heimat“ war korrumpiert durch die „Nazi-Ideologie und die von uns allen verhassten Heimatfilme der 50er Jahre“. Heute bewege sich die Gesellschaft durch idealisierende Heimatabende wieder zurück. „Die Fremdenfeindlichkeit in der heutigen Diskussion hat auch zu tun mit der Heimat-Kitsch-Idylle, die gerade propagiert wird“, analysiert Reitz.

Reitz war nach Marburg gekommen, um die neu digitalisierte Fassung des 924 Minuten langen ersten Teils seiner Heimat-Trilogie vorzustellen, die an zwei Tagen in der Kammer zu sehen war. Gut fünf Jahre dauerte die Rekonstruktion. Mehr als 3,5 Millionen Bilder mussten von Hand bearbeitet werden, um das Werk vor dem Verfall zu retten. Dokumentiert wurde der Prozess von Reitz in dem Buch „Heimat – Eine deutsche Chronik. Die Kinofassung“, das im Marburger Schüren-Verlag erschienen ist.

Professor Prümm hatte zuvor den Lebensweg des Regisseurs vorgestellt, der 1932 in Mornach im Hunsrück geboren wurde und beim Studium in München seine Leidenschaft für den Film entdeckte. Die Heimat-Trilogie nannte Prümm „ein gigantisches autobiografisches Projekt“, zugleich „Familienepos, Dorfgeschichte und Künstlerroman“.

Prümm wies auch auf die engen Verbindungen von Edgar Reitz zu Marburg hin: Jahrelang ging er nur in der Universitätsstadt zum Zahnarzt, Reitz hat die Stadt in der Erzählung „Die Reise nach Marburg“ gewürdigt, und die große Bibliothek seines Bruders Guido Reitz ist Bestandteil des Deutschen Sprachatlasses in Marburg.

von Uwe Badouin

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