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Gescheitert – das aber grandios

OP-Buchtipp: Geoff Dyer: „Aus schierer Wut“ Gescheitert – das aber grandios

Nie zuvor arbeitete sich ein Autor derart vehement an der schwierigsten Berufskrankheit von Schriftstellern ab wie 
Geoff Dyer in „Aus schierer Wut“.

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Der britische Autor Geoff Dyer hat aus seiner Schreibblockade ein großartiges Buch gemacht.

Quelle: Dumont-Verlag

Für jeden Stoff gibt es eine Zielgruppe, und mag sie auch noch so klein sein. Geoff Dyers Zielgruppe waren seine Kolleginnen und Kollegen, als er „Aus schierer Wut“ schrieb – und er wird wohl seine eigenen Erfahrungen mit Schreibblockaden verarbeitet haben.

Aus schierer Wut mag der Leser, dem diese Art literarischer Malaise fremd ist, Dyers neues Buch an die Wand oder in den Kamin schleudern, nachdem er sich durch die ersten 50, 60 Seiten gequält hat und verzweifelt die Antwort auf eine einzige, quälende Frage sucht: Was soll das? Warum, so lautet die logische Folgefrage, macht jemand, dem gerade nichts einfällt oder der gerade mit seinem Thema nicht weiterkommt, nicht einfach mal ein halbes Jahr Urlaub und legt den Griffel zur Seite, 
bis die Inspiration sich wieder anschleicht?

Zornige Leser vor geistigem Auge

Der britische Autor, der gegenwärtig im sonnigen Kalifornien lebt, kann auf einen 
Werkkatalog zurückblicken, der vom Jazz-Sachbuch über eine Hommage an den Avantgarde-
 Filmer Andrej Tarkowskij bis zum Erfahrungsbericht über seinen Aufenthalt auf einem US-Flugzeugträger reicht. Breit aufgestellt, könnte man sagen. Kaum verwunderlich, dass jemand wie Dyer sich dann eben auch auf die nicht alltägliche Idee versteigt, eine Studie über den Dichter D. H. Lawrence zu schreiben.

Daran scheitert er in „Aus schierer Wut“ – und er scheitert grandios. Man möchte diesem antriebsarmen, ständig abgelenkten und wankelmütigen Schriftsteller ständig fest ins Gesäß treten oder ihn am Schreibtisch festketten, damit er konzentriert sein Werk zu Ende bringt, anstatt ständig nach Ausflüchten zu suchen.

Dyer muss vor seinem geistigen Auge all die zornigen Leser im Blick gehabt haben – und er hat vermutlich großen Spaß daran gehabt, sich die Reaktionen auf seine epische literarische Bankrotterklärung vorzustellen. Doch wer sich da durchkämpft, gewinnt – und wenn es nur die Erkenntnis ist, dass im Versagen wahre Größe liegen kann.
Also: Besser nicht das Buch nach 50 Seiten in den Kamin werfen.

  • Geoff Dyer: „Aus schierer Wut“, 304 Seiten, Dumont, 19,99 Euro.

von Carsten Beckmann

 
 
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