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Gekonntes Spiel der Stereotypen

Kabarett Gekonntes Spiel der Stereotypen

Mit seinem Wechselspiel zwischen Ernsthaftigkeit und Humor begeisterte Fatih Çevikkollu die Besucher im KFZ.

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Gewollter Stilbruch: Fatih Çevikkollu mit schickem Anzug und
offenen Birkenstocks auf der Bühne des KFZ.

Quelle: Felix Busjaeger

Marburg. Die Menschen in Deutschland empfinden immer weniger Empathie, da ist sich der Kabarettist Fatih Çevik­kollu sicher. In seinem neuen Soloprogramm „Emfatih“ wirbt er deshalb für mehr Mitgefühl und setzt sich für die Wahrung des Menschlichen ein.

Mit elegantem Anzug und silbernen Birkenstocks steht der Kölner türkischer Abstammung auf der Bühne im KFZ und rappt sich in das Abendprogramm rein. Provozierend in Machomanier arbeitet er mit den typischen Klischees, die in unserer heutigen Gesellschaft vertreten sind: Südländer halten sich „für die Geilsten und sprechen schlechtes Deutsch“.

Dass viele sich von diesen ­Stereotypen in die Irre leiten lassen, zeigt Çevikkollu in den folgenden Minuten anhand ­vieler alltäglicher Situationen. Er will aufklären und zeigen, dass die türkischen Gemüsehändler in Wahrheit doch Hochdeutsch sprechen können, aber als ­geschäftstüchtige Unternehmer wissen, dass sie mit ihrem gebrochenen Deutsch rund 30 Prozent mehr Umsatz machen.

Auch aus seiner persönlichen Geschichte kann ­Çevikkollu ­erzählen, wie es ist, wenn man aufgrund der äußeren Erscheinung diskriminiert wird. In seiner Jugend musste er einmal zum Amt, wurde dort mit überdeutlicher und langsamer Aussprache sowie einer Infor­mationsbroschüre in türkischer Sprache begrüßt.

Bogen von „Kölle Allah“ bis zur Digitalisierung

Er wusste nicht, wie er auf diese Situation reagieren sollte, entschied sich gegen eine Antwort mit perfekter Rhetorik und antwortete, um den Erwartungen zu entsprechen, mit „Deutschland gut!“

Mit seinem unterhaltsamen Wechsel aus Ernsthaftigkeit und Humor schafft es Çevikkollu, das Publikum zu erreichen, es von seiner burkaverschleierten Wahrnehmung zu befreien und der Realität zuzuführen. Mit ­einer gekonnten Souveränität springt er von Thema zu Thema, beschäftigt sich mal mit „Kölle Allah“ oder mit der voranschreitenden Digitalisierung. Die Bindung zu den Gästen ist stets sehr groß, führt teilweise zu witzigen Situationen, in denen sich Çevikkollu von Zurufen inspi­rieren lässt und spontan eine Pointe entwickelt.

Unter tosendem Beifall entfalten sich ein „ganzdickerbauch“, die zusammenhängende Betonung sei dabei besonders wichtig, damit ein guter Rhythmus entstehe. Der „Ganzdickebauch“ und ein Apfel wurden zu den Running Gags des Abends, kamen über die gesamte Länge der Show immer wieder zum Einsatz und zeigten, mit wie viel Freude Çevikkollu seinen Job auf der Bühne macht.

Durch diese Interaktionen mit dem Publikum wurde die Stimmung im KFZ so ausgelassen, dass der Künstler spontan sein Smartphone zückt und ein Live-Video auf Facebook startet. „Marburg kann abgehen, das glaubt man gar nicht. Es ist das geilste Publikum“, erklärt er seiner Fangemeinde und lässt ­unter nicht enden wollendem Applaus den Abend mit einer Präsentation seines Buchs ausklingen.

von Felix Busjaeger

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