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Gegensätze im Kaffeehaus

Lesung Gegensätze im Kaffeehaus

„Ich selber war kein Punker. Ich war eher ein lieber Junge, der sich mit 17 Jahren in die deutsche Sprache verliebt hat. Ich hatte aber Bekannte, die in dieser Szene unterwegs waren und ich habe immer diese Energie bewundert, diese Frustration und diese Wut“, sagte der tschechische Autor Jaroslav Rudiš am Sonntag bei seiner Lesung aus seinem Buch „Das Ende des Punks in Helsinki“.

Marburg. In Oles Leben, dem mittlerweile 40-jährigen Protagonisten in dem Roman, ist von dieser Wut und Energie, von der Rudiš sprach, nicht mehr viel übrig geblieben. Das einzige Relikt seines früheren Punkdaseins ist seine verrauchte Eckkneipe, das „Helsinki“.

Mit direkter, manchmal obszöner und dennoch herzlicher Sprache erzählt Rudiš über das Klientel der Kneipe, dessen Alltag und Hintergrund. Dabei lässt Rudis eine Atmosphäre entstehen, die in krassem Gegensatz zur klassischen Kaffeehaus-Kulisse des Cafés Vetter steht. Während dort genüsslich ein Wiener Kaffee getrunken wird, erzählt der Autor in drastischen Worten von Punk, Drogen, Alkohol. Rudiš gesteht selbst: „Ich habe immer Lust auf ein Bier und eine Zigarette, wenn ich aus diesem Buch vorlese, auch wenn ich gar kein Raucher bin.“

Der zweite Erzählstrang des Romans spielt in den 80er Jahren und erzählt von der 15-jährigen Punkerin Nancy. In Form von Tagebuchausschnitten wird ihr Leben als junge Revoluzzerin in der ehemaligen Sowjetunion geschildert.

Dreh- und Angelpunkt beider Geschichten ist das 1987 stattfindende Konzert der „Toten Hosen“ in der tschechischen Großstadt Pilsen. Auf diesem berühmt-berüchtigten Konzert lernt der damals noch 17-jährige, rebellische Ole Nancy kennen. Die beiden verlieben sich ineinander und planen eine gemeinsame Flucht in den Westen. Doch Nancy wird bei dem Fluchtversuch erschossen. Dies lässt Ole bis zum heutigen Tag nicht los und ist wohl auch Mitverursacher seines tristen und von Schuldgefühlen geplagten Daseins.

Jaroslav Rudiš wurde 1972 in der tschechischen Stadt Turnov geboren. Mit Büchern wie „Der Himmel unter Berlin“, „Grandhotel“ oder seinem bekannten Comic-Charakter „Alois Nebel“ steht er für eine neue Generation tschechischer Schriftsteller. Rudiš sieht sich als Geschichtenerzähler.

von Caroline Stockmann

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