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Gegen Horror helfen Ikea-Möbel

13. Marburger Science-Slam Gegen Horror helfen Ikea-Möbel

Dr. László Dören und Janina Otto teilten sich diesmal den zweiten Platz bei der unterhaltsamen Wissenschaftsschlacht im Theater Am Schwanhof. Den Sieg errang Dr. Paul Eisewicht mit seinem „Schreckensvortrag“.

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Von links: Bei der Siegerehrung kamen Paul Eisewicht, Aljoscha Kreß, Dr. László Dören und Janina Otto mit Vize-Intendantin Dr. Christine Tretow auf die Bühne.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Imposex ist nicht etwa die Abkürzung für besonders imposanten Sex. Dr. László Dören, der im vorigen Jahr durch sein erstes literarisches Werk, eine moderne und kindgerechte Fassung des Robin-Hood-Stoffes, bekannt geworden war, enttäuschte gleich zu Beginn diejenigen, „die sich vielleicht klammheimlich freuen, dass es etwas schlüpfrig zugehen könnte“. Denn er sei kein Humanbiologe, sondern Ökotoxikologe. Und die erforschten, wie Umweltschadstoffe auf Ökosysteme wirken, von denen es eine ganze Menge verschiedener Gruppen gebe.

Bei ihm ging es um endokrine Disruptoren. „Das hört sich doch an wie auf Krawall gebürstete Aliens. Tatsächlich sind es kleine Aliens, Fremdstoffe, die in den Organismus eindringen und dort das Hormonsystem durcheinander bringen“, verdeutlichte Dören. Der Disruptor, in diesem Fall in Schiffsanstrichen enthaltenes Tributylzinn, führt zu Imposex, bei weiblichen Meeresschnecken. Diese entwickeln Penisse und können keine Eier mehr legen.

Deo nicht nach Duft, sondern nach Wirksamkeit wählen

Dören schilderte, wie er dies einer attraktiven Frau in einer Marburger Kneipe erzählt habe, die sich aber so gar nicht für das interessierte, was weit draußen im Meer mit irgendwelchen Tieren passiert, die eh keiner kennt. Und er habe es nicht geschafft, ihr zu erläutern, dass diese Schnecken so etwas wie Alarmanlagen für Ökosysteme seien. Aber die 200 Zuhörer im ausverkauften Theater Am Schwanhof hatten es verstanden, die sechsköpfige Jury vergab 47 Punkte.

Die gleiche Wertung erhielt die zweite Marburger Kandidatin, Humanbiologie-Studentin Janina Otto für ihren Vortrag „Im Schweiße deines Angesichts“. Darin erläuterte sie, warum und wie wir schwitzen, dass Männer und Frauen unterschiedlich riechen und für 80 Prozent der Frauen Männerschweiß nach Urin rieche, für glückliche 20 Prozent aber nach Vanille. Deo solle man nicht nach dem Duft, sondern der Wirksamkeit auswählen, und für die Männer, die es ohne Deo versuchen wollten, hatte sie noch einen Tipp parat: „Frauen empfinden den Geruch von Vegetariern als viel angenehmer.“

Warum man sich Horrorfilme an schaut

Soziologie sei ja eigentlich die Wissenschaft, deren Kunst darin bestehe, eine Sache, die jeder versteht und die jeden interessiert, so auszudrücken, dass sie keiner mehr versteht und sie auch keinen mehr interessiert, leitete die Moderatorin Dr. Christine Tretow den Vortrag von Dr. Paul Eisewicht aus Dortmund ein. Der trat den Beweis des Gegenteils an und wurde mit fünfmal der Höchstwertung von zehn und einmal neun Punkten von der Publikumsjury zum Sieger erklärt.

Eisewichts größte Angst beim Besuch von Sneak Previews sei gewesen, dass ein Horrorfilm gezeigt würde. Schließlich fragte er sich, warum sich Leute Horrorfilme ansehen und was sie daran so interessant finden. „Zombies, die auf Menschen starren“ hatte er seinen Vortrag betitelt und fand es „sehr schön, in Marburg, der Stadt, die sogar ihr eigenes todbringendes Virus hat, über Horror zu reden“.

Schon im Mittelalter seien Visionen vom Himmel eher irgendwie langweilig gewesen, während sich die Menschen sehr interessante Szenen in der Hölle ausmalten. Horror löse körperlich in uns etwas aus, Angst mit „kumulativer Dynamik“ – das heißt, „wenn wir Angst haben, haben wir Angst davor, dass wir Angst haben und dann haben wir noch mehr Angst“. Positiv: bei Horrorfilmen verbrenne man mehr Kalorien als bei anderen Genres – und der Körper beginne, Blutplättchen zu bilden, um auf Verletzungen vorzubereiten.

Limburger Käse lockt Stechmücken an

Horror bestehe im Unwissen, „ist der nett oder nicht nett“, und unterscheide sich von Angst, die man irgendwie verarbeiten könne, dadurch, dass Horror meist nicht auflösbar sei. Was kann man nun gegen den Horror tun? „In einer WG wohnen, ganz wenige Horrorfilme spielen in WGs, und sich mit Ikea-Möbeln einrichten. Ich habe noch nie ein besessenes Ivar-Regal gesehen“, riet Eisewicht.

Auf Platz vier kam ein weiterer Ökotoxikologe, Aljoscha Kreß aus Frankfurt, dessen Vortrag einen gewissen Bezug zu dem von Janina Otto aufwies. Bei ihm ging es um Stechmücken, die man mit dem Geruch von Limburger Käse anlocken könne. Er empfahl, in Malariagebieten besonders auf Fußhygiene zu achten, denn auf Schweißfüßen seien ähnliche Bakterien für den Geruch verantwortlich wie bei besagtem Milchprodukt.

Die 13. Auflage des Marburger Science-Slams, durch die wieder Dr. Christine Tretow, Vize-Intendantin des Hessischen Landestheaters Marburg, führte und sie mit Seitenhieben gegen den Wissenschaftsbetrieb bereicherte, wurde vom Fernsehen aufgezeichnet und soll in etwa sechs Wochen bei ARD-alpha zu sehen sein. Wer sich selbst in den Kampf schmeißen will: Für den Slam am 16. Mai 2015 können sich noch Kandidaten bewerben.

von Manfred Schubert

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