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Gefangen in der Seelenhölle

Endstation Sehnsucht am Hessischen Landestheater Gefangen in der Seelenhölle

Diese Inszenierung wirkt lange nach. Regisseurin Roscha A. Säidow bringt mit einem grandios aufspielenden Ensemble ein ergreifendes Psychodrama auf die Bühne des Hessischen Landestheaters.

Marburg. Verletzte Seelen präsentiert Tennessee Wiliams (1911 - 1983) in seinem Klassiker „Endstation Sehnsucht“.Im Zentrum des Psychodramas steht Blanche DuBois, eine ebenso schwierige wie anspruchsvolle Rolle. Annette Müller spielt diese zutiefst verletzte Frau mitreißend, gestaltet diese Riesenrolle voller Nuancen bis zum bitteren Ende glaubhaft aus. Sie ist Teil eines insgesamt grandios aufspielenden Ensembles.

Blanche DuBois betritt die karg ausgestattete Bühne wie eine Diva. Sie stammt aus reichem Südstaatenadel und lässt dies ihre Umgebung spüren: Sie ist zu Besuch bei ihrer Schwester Stella in New Orleans, die mit dem grobschlächtigen Stanley Kowalski verheiratet ist und sich mit den einfachen Verhältnissen längst arrangiert hat.

Doch schnell wird klar: Das affektierte Auftreten von Blanche ist nur Fassade. Dahinter verbirgt sich eine verunsicherte, ängstliche Frau am Abgrund, eine Frau, deren einziger Schutz eben diese Fassade ist. Die schicken Kleider, der Schmuck und die Liebesbriefe ihres Mannes, der Selbstmord begangen hat, sind das Einzige, was ihr geblieben ist - neben den guten Manieren, neben dem Tonfall der einstigen Südstaatenoberschicht, neben ihrer Bildung. Doch die helfen ihr nicht mehr in einer Welt, in der sie den Boden unter den Füßen verloren hat. Nur mit größter Anstrengung kann Blanche DuBois diese zunehmend bröckelnde Fassade aufrechterhalten. Ihre Schwester Stella, burschikos-zupackend und liebevoll gespielt von Oda Zuschneid, ist ihr einziger Schutz in einer Welt, die für zarte Träumer schnell zur Hölle werden kann.

Blanche hat nur eine Chance: Stanleys Kollegen Mitch. Johannes Hubert spielt ihn begeisternd als mitfühlenden, sensiblen Mann, der genauso einsam ist wie Blanche. Doch sie lässt ihn zappeln, deckt die Karten nicht auf, spielt das brave Mädel vom Lande.

Es ist ein verhängnisvoller Fehler, zumal sie sich zwischen Stella und Stanley drängt. Den derben Stanley bezeichnet sie gegenüber ihrer Schwester als barbarisches Tier.

So deckt Stanley ihre Vergangenheit auf. Den Verlust des elterlichen Erbes, den Verlust ihrer Stelle als Lehrerin, die vielen Männerbekanntschaften in einem kleinen schäbigen Hotel. Auch Timo Hastenpflug glänzt in der Rolle des rauen und gewalttätigen Stanley, der keine Skrupel hat, Blanche bloßzustellen und am Ende zu vergewaltigen. Blanche kommt, endgültig zerstört, in die Psychiatrie.

In kleineren Nebenrollen sind Christine Reichardt, Gerard Skrzypiec und der junge Felix Müller zu sehen.

Es geht um Lüge, Selbsttäuschung und Seelenqual in dem klug, sehr realistisch und effektvoll komponierten Drama eines der populärsten US-Bühnenautoren des vergangenen Jahrhunderts.

Regisseurin Roscha A. Säidow siedelt das Stück, das eigentlich 1947 spielt, in einem zeitlosen Raum an. Die von Julia Plickat gestaltete Bühne ist bewusst karg gehalten. Zwei Mikrofone, ein wuchtiger Reisekoffer mit den wenigen Habseligkeiten von Blanche und ein großer, drehbarer Rahmen mit durchsichtigen, hellem Stoffbahnen bilden die Fläche für das intensive Spiel der Darsteller.

Eine geschickte Lichtregie und die eigens für die Inszenierung komponierte Musik betonen die Handlung, untermalen die Zerrissenheit der Charaktere, die am Ende eigentlich alle Verlierer sind. Niemand hat etwas gewonnen, nicht einmal Stanley, der ungerührt zusieht, wie Blanche in die Psychiatrie geführt wird.

Roscha A. Säidows Regie ist ungeheuer pointiert. Alles hat seinen Zweck, auch die allmähliche Verwüstung der Bühne und selbst die kalten, nicht verkleideten Bühnenwände mit ihren Kabeln und Lampen. Nackt und kahl sind sie, wie das Innere der handelnden Figuren, dass in zwei wie im Fluge vergehenden Stunden nach außen gekehrt wird.

„Endstation Sehnsucht“ ist unbedingt sehenswert, aber keineswegs leichte Kost. Im Gegenteil. Das Stück geht wohl allen Zuschauern nahe.

Am Ende gab es sowohl für das Ensemble als auch für das Regieteam langanhaltenden Applaus.

Weitere Vorstellungen sind am kommenden Donnerstag, sowie am 5. und 23. März, jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof.

von Uwe Badouin

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