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Gefangen im Verlangen

Stadttheater Gießen Gefangen im Verlangen

Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft. Doch die Resultate enden tödlich. Das Musical „Ab in den Wald“ beweist im Stadttheater Gießen dennoch vor allem eines: Humor.

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In Stephen Sondheims Musical „Ab in den Wald – Into the Woods“ am Stadttheater Gießen werden verschiedene Märchen gemischt.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Zwanzig Jahre bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft haben Intendantin Cathérine Miville geprägt. Als Regisseurin zieht sie im Gießener Stadttheater eine Märchenkosmos-Mixtur am Humorzopf aus der drohenden Musikbredouille. So feierte das Musical „Ab in den Wald - Into the woods“ von Stephen Sondheim (Musik und Songtexte) und James Lapine (Buch) am Samstag bejubelte Premiere im ausverkauften Großen Haus.

Der brillante Textdichter Sondheim notiert in seinem 1987 uraufgeführten psychologisierenden Werk die zeitgenössische Spärlichkeit des Orchesterklangs. Stattdessen gibt es Marschtempo, filmisches Underscoring und Effekte, die das Wort stützen, das auch Sondheim-Übersetzer Michael Kunze meisterlich beherrscht. Das hierzulande kaum aufgeführte Musical vereint das Grimm’sche Aschenputtel (Patrizia Margagliotta) mit Rapunzel (Karola Pavone in ihrer ersten Stadttheater-Rolle), Rotkäppchen (Rebecca Kaufmann), zwei Prinzen (Christian Fröhlich, Thomas Christ), einer Hexe (Laura Joeken) sowie dem Buben (Tom Schimon) und seiner Mutter (Carolin Weber) aus dem Märchen „Hans und die Bohnenranke“ samt Anspielungen auf „Dornröschen“ und „Schneewittchen“ unter einem Dach, oder besser gesagt: im Wald. Dort finden die Protagonisten die Erfüllung ihrer Wünsche - und stoßen, im zweiten Akt, auf deren Kontrapunkt mit Namen Tod. Die Rahmenhandlung zelebriert Christian Lugerth als Erzähler.

Dirigent Andreas Kowalewitz und das Philharmonische Orchester unterstützen die Darsteller akribisch. Miville stellt die Familien der einzelnen Märchen in Bilderrahmen nebeneinander auf die Bühne. Das ermöglicht die schnelle Abfolge der Szenen. Slapstick hat Konjunktur.

Für die revueartigen Choreografien zeichnet Inga Schneidt verantwortlich. Bühnenbildner Lukas Noll lässt bei seinem aufwendige Bühnenbild weiße Vorhänge wehen und allerlei schwarze Scherenschnitte vom Schnürboden herabschweben. Die Klippen der Visualisierung umschifft die Regisseurin gekonnt. Einziges Manko: Die Tragik im zweiten Durchgang wird mit Scherzen konterkariert. Nolls Kostüme machen Laune, etwa das Dreigestirn aus Aschenputtels Stiefmutter (Irina Ries) und ihren beiden Augenweidentöchtern Lucinda (Anne-Elise Minetti) und Florinda (Marie Seidler) im bunten, haartoupierten 80er-Jahre-Style. Am Ende bleiben alle gefangen in ihrem Verlangen. „Ab in den Wald“ wird für Märchenfreunde zum modernen Grimmitat.

von Manfred Merz

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