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Gefährten: Künstliche Pferde begeistern Publikum

Schwabendorfer spielt Hauptrolle in Berlin Gefährten: Künstliche Pferde begeistern Publikum

Zuletzt tanzten Vampire im Theater des Westens nahe dem Berliner Bahnhof Zoo, nun sind es Pferde. Ungewöhnlicher dramatischer Stoff kommt auf die traditionsreiche Musicalbühne - mit dem Schwabendorfer Philipp Lind in der Hauptrolle.

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Im Stage Theater des Westens reitet der in Schwabendorf aufgewachsene Schauspieler Philipp Lind als Albert auf einem der kunstvollen Pferde der berühmten Handspring Puppet Company, die von drei Puppenspielern geführt werden

Quelle: Morris Mac Matzen

Berlin. Der internationale Theater-Erfolg „Gefährten“ um ein Pferd im Ersten Weltkrieg hat am Sonntag seine Deutschlandpremiere in Berlin gefeiert. Mit großem Applaus wurde das Stück im Theater des Westens nahe dem Kudamm gewürdigt. Unter den Gästen waren auch Prominente wie der irische Sänger Bob Geldof und weitere Film- und Fernsehschauspieler.

Die Premieren-Besucher auf dem roten Teppich wurden von einem der lebensgroßen künstlichen Pferde aus Bambus, Leder und Metall begrüßt - so naturnah, dass viele Besucher unwillkürlich auswichen oder zurückschreckten.

Auch auf der Bühne sind die lebensgroßen Tierfiguren die eigentlichen Stars des Theaterstücks „Gefährten“, in dem der 25-jährige, in Schwabendorf aufgewachsene Schauspieler Philipp Lind an der Seite von Heinz Hoenig die Hauptrolle spielt. Die riesigen Pferde umkreisen sich auf der Bühne fast tänzerisch, bäumen sich auf und suchen den Kampf. Elegant preschen sie vor und weichen zurück. Realistisch wirken die Bewegungen.

„War Horse“, so der Originaltitel, erzählt die Geschichte des englischen Bauernjungen Albert und seines Pferdes Joey. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trennen sich ihre Wege. Mensch und Tier durchleben die grausamen Gemetzel auf den Schlachtfeldern auf der englischen und deutschen Seite. Nach seiner Uraufführung im National Theatre in London 2007 eroberte das Anti-Kriegs-Stück auch Bühnen in den USA, Kanada und Australien. Vier Millionen Besucher sahen das Drama bislang. Steven Spielberg drehte inspiriert von dem Bühnenstück einen Film.

Die Inszenierung, die der sonstige Musical-Produzent Stage Entertainment aus London übernahm, setzt beim Bühnenbild auf minimalistische Effekte. Der Bauernhof, die Überfahrt nach Frankreich und die Schlachtfelder werden durch Requisiten nur angedeutet. Zwitschernde Vögel werden an Stangen herumgeschwenkt, eine Gans auf Rollen schnattert über die Bühne. Dynamik erzeugt ein gezeichneter Schwarz-Weiß-Film, der fast surrealistisch anmutet und im Hintergrund läuft.

Weniger zurückhaltend geben sich die Licht- und Toneffekte des Kriegsgrauens. Ausführlich blitzen und donnern die Einschläge der Granaten, Maschinengewehrkugeln zischen und Pistolen krachen, wenn Menschen und Pferde sterben.

Die melodramatische Geschichte und die Bühnenfassung können bei aller inszenierten Dramatik nicht verleugnen, dass ihnen ein Jugendbuch zugrunde liegt. Der Autor Michael Morpurgo schrieb „War Horse“ Anfang der 1980er Jahre aus Sicht des Pferdes Joey und seines jungen Freundes Albert (Philipp Lind), um das Leid auf beiden Seiten der Front darzustellen. Der Krieg ist grausam, die Tiere sind tapfer und die menschlichen Charaktere eher einfach gestrickt. Auch Schauspieler wie Heinz Hoenig in der Rolle von Alberts Vater können das nicht kompensieren.

Erst durch die Kunst des Puppenspiels der Handspring Puppet Company aus Südafrika wurde das Stück zum Bühnenhit. Die Pferde laufen und traben wie lebendige Tiere, sie schnauben und wiehern und tragen, gesteuert von je drei Puppenspielern, sogar ihre Reiter.

Welches Publikum sich für die ungewöhnliche Inszenierung findet, muss sich erst zeigen. Anders als in Großbritannien und den USA sind auf deutschen Bühnen Stücke, die zwischen dem Kunstanspruch des Feuilletons und dem Klamauk von Komödientheatern angesiedelt sind, eher selten. Auch für die Musicalfans, die klassische Zielgruppe des Produzenten Stage, ist „Gefährten“ wegen der Kriegsthematik Neuland.

Im Internet beschwerten sich bereits Besucher von Voraufführungen über fehlende Musik und Gesangseinlagen. Dass Stage Entertainment ein Theaterstück und kein Musical auf die Bühne bringt, muss sich wohl erst noch herumsprechen.

Philipp Lind hat seine ersten Theatererfahrungen beim Jugendclub des Hessischen Landestheaters Marburg gemacht. Ein Stipendium des Deutschen Bühnenvereins ermöglichte ihm ein Studium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Nach Stationen am Theater Heilbronn, an der Münchner Schauburg und Gastspielen in Shanghai steht er nun in Berlin vor einem Karrieresprung.

von Andreas Rabenstein
und Uwe Badouin

Philipp Lind: Erleichert und glücklich

Marburg. Der in Schwabendorf aufgewachsene Schauspieler Philipp Lind, der am Gymnasium Philippinum sein Abitur machte, spielt die Hauptrolle in der Großproduktion des Unterhaltungs-Konzern Stage Entertainment. Die OP sprach gestern mit ihm über das Stück und den Proben-Marathon.

OP: Wie fühlen sie sich heute an ihrem ersten freien Tag seit langem?

Philipp Lind: Ich bin erleichtert und glücklich und gespannt auf die Vorstellungen, die kommen. Wir haben in den letzten Wochen hart geprobt, 14 Previews mit Publikum gespielt und das Stück immer wieder verändert.

OP: „Gefährten“ ist doch ein sehr harter Stoff für ein Unterhaltungstheater. Wie ist die Premiere angekommen?

Lind: Sehr gut, glaube ich. Das Premierenpublikum war sehr konzentriert. Das Stück hat harte und sehr berührende Momente. Das Kreativ-Team aus England hat das gesamte Ensemble für das Stück begeistert. Und unmittelbar vor der Premiere hat Autor Michael Morpurgo noch eine sehr bewegende Rede gehalten. Ich bin sehr, sehr froh in diesem Ensemble spielen zu dürfen.

OP: Wie geht es jetzt weiter mit „Gefährten“?

Lind: Ich freue mich darauf, das Stück ein Jahr lang in der Erstbesetzung spielen zu dürfen. Wir spielen von Dienstag (heute) an sieben Vorstellungen pro Woche. Montags ist frei, samstags stehen zwei Vorstellungen auf dem Programm.

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