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Geballte Wut über die digitale Ödnis

Kabarettherbst Geballte Wut über die digitale Ödnis

Heftig, deftig, saukomisch: Treffsicher nahm Michael Altinger zahlreiche Schwachsinnigkeiten der modernen, digitalisierten Welt aufs Korn. Es gab Lacher im Sekundentakt im voll besetzten KFZ.

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Hat jemand ein Smartphone an? Dann ganz schnell ausschalten, denn Michi Altinger mag die Dinger nicht.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Das rhetorisch geschliffene Florett ist nicht Michael Altingers Lieblingswaffe, lieber spießt er die Ziele seiner teils sehr heftigen Zornesausbrüche mit dem Metzgermesser auf. Oder zeigt auf der Bühne psychopathische Ansätze, und zückt ein reales Messer, während er seine Zuhörer lobt, die ihre Smartphones zuhause ließen, um einen ungestörten Kabarettabend zu genießen. Das Publikum habe sich klugerweise wohl gedacht, dass der Altinger das Leuchten von der Bühne sehen, es ihm tierisch auf den Sack gehen könne, er sich auf sie stürzen, ihnen die Ohren abbeißen und die Finger mit einem Messer abtrennen würde.

„Vollstes Verständnis“ hatte Altinger dafür, dass man einem Kleinstkind ein Smartphone für 600 Euro schenken müsse, „damit es uns immer erreichen kann, wenn mal was ist.“ Das gehe natürlich auch nur mit dem allerneuesten Smartphone. Zudem sage eine Studie, je älter das Handy, desto eher werde das Kind entführt.

Überzeugend ist auch seine Aversion gegen E-Books. „Ich mag das haptische, sinnliche Erlebnis, richtig umblättern. Und wenn mir ein Buch nicht gefällt, möchte ich es zerreißen und in die Ecke feuern können. Und was will ich mit zwei Millionen gespeicherter Romane im Reisekoffer? Ich habe noch nie das Bedürfnis gespürt, zwei Millionen Romane auf einer Reise zu lesen, das ist bei mir genau ein Buch!“

Zu den Dingen, die Altinger geißelte und die dem Applaus und Gelächter nach einem Großteil der 190 Zuhörer ebenfalls auf die Nerven gehen, gehörten Sprüche wie „Supi“, „Wie geil ist das denn“ oder „Halloooo“. Und der Ärger darüber, dass inzwischen überall jeder seinen Senf dazugeben müsse. Man kann sich nicht mal mehr im Radio „Heute im Stadion“ anhören, weil irgendwann der Moderator in der Fankurve unbedingt von „Richie aus Schweinsbach“ dessen fundierte Expertenmeinung zum Spiel wissen möchte, klagte Altinger. „Ich will überhaupt nichts vom Richie aus Schweinsbach hören, mich interessiert das Fußballspiel! Bevor ich mir so was anhören muss, dann doch lieber fünf Werbespots für Seitenbacher-Müsli“, schrie er, und das Publikum prustete lauthals und zustimmend los.

Oder wenn im Fernsehen die blonde Praktikantin „mal kurz ins Netz geguckt“ hat und dann verliest, was Herr Schmitz aus Soest auf Facebook schrieb. Weder Herr Schmitz noch Richie aus Schweinsbach werde sich mit dem Absondern absolut uninteressanter, irrelevanter Meinungsäußerungen per Mikrofon oder über Facebook ein Denkmal setzen. Herr Schmitz werde alt, werde sterben und in 50 Jahren werde ihn sogar die NSA vergessen haben. Damit müsse Herr Schmitz klar kommen, forderte Altinger, und vor allem ihn als Zuschauer oder Hörer von seinen unerwünschten Ergüssen verschonen.

Das alles und auch seine, von seiner „Band“ Martin Julius Faber an Keyboard und Gitarre begleiteten, souligen bis rockigen, urkomischen Lieder präsentierte Altinger temporeich mit ausdrucksstarker Körpersprache und Mimik. Seine bissige Kritik an den Erscheinungen des modernen Lebens und aktueller Gesellschaftsentwicklungen wirkte jedoch nie besserwisserisch, denn Altinger zog ebenso lustvoll über sich selbst (beziehungsweise sein Bühnen-Ego) her. Seine Telefonverträge, seine technischen Schwierigkeiten wie an sich selbst gesandte Sprachnachrichten oder der Versuch, die sexuelle Entwicklung seiner Söhne in geordnete Bahnen zu lenken trieben den Zuhörern Lachtränen in die Augen. Umrahmt wurde alles von oft recht skurrilen Episoden aus dem bayerischen „Strunzenöd“, einem Ort fernab aller Datenströme.

Am Freitag kommt ThomasReis in den Kulturladen

Am Freitag setzt Thomas Reis ab 20 Uhr im KFZ mit seinem Programm „und SIE erregt mich doch!“ den Marburger Kabarettherbst fort.

„Meine Lust ist jung und meine Wut erst recht, ohne Erregung stürben wir aus – nicht nur biologisch“ meint Reis und fragt: „Dürfen wir die Schöpfung den Religiösen überlassen, die Moral den Humorlosen und die Satire den Politikern?“ Die Antwort ist klar: „Nein.“ Dürfen wir nicht. Das gleiche gelte für Grundlagenforschung in den Händen von Bestsellerautoren, das Abtreten der Philosophie ans Marketing, die Überantwortung der Erotik an das Internet und des Geldes an die Banken.

von Manfred Schubert

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