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Galliges mit Figuren zum Fürchten

Audimax: Gerhard Polt und die Well-Brüder Galliges mit Figuren zum Fürchten

Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt hat eine treue Fangemeinde – eine Stunde vor ­Beginn seines Auftritts drängten sich die Menschen vor dem Audimax, um einen guten Platz im ausverkauften Saal zu bekommen.

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Nicht nur die Well-Brüder amüsierten sich köstlich, wenn der ewige Grantler Gerhard Polt ans ­Mikrofon tritt.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. Zusammen mit den Well-Brüdern aus dem Biermoos gab sich der Altmeister des Kabaretts auf Einladung des KFZ wieder einmal die Ehre in Marburg.

Wobei die Well-Brüder gewissermaßen die Nachfolgetruppe der Biermösl Blosn sind, denn Christoph und Michael aus der großen Well-Familie treten nun statt mit Bruder Hans mit Bruder Karl auf. Und ebenso wie die Biermösl Blosn ergänzen sie sich wunderbar mit dem ewigen Grantler Polt, der das mürrische Dreinschaun zur hohen Kunst erhoben hat, während den drei Multiinstrumentalisten das Vergnügen an ihrem Tun durchgängig anzumerken ist.

Das Publikum ist weitgehend mit Polt zusammen in Ehren ergraut und weiß, was es bekommt – und es erweist sich als äußerst begeisterungsfähig. Ob es zum Mitklatschen oder Mitsingen animiert wird, es tut wacker mit und bejubelt alle Scherze der vier Protagonisten auf der Bühne, auch die schwächeren. Es überwiegen allerdings die guten.

Demokrat, Kinderschänder oder Autohändler

In subtiler Doppelbödigkeit, gut verpackt in breitestes Bayerisch und vorgebracht mit scheinbarer geistiger Schlichtheit, macht Polt nach wie vor keiner etwas vor. Wie gewohnt gibt er den braven Mann, der sich um Kopf und Kragen redet und dessen Biedermeiertum sich rasch in heftige Ausfälle gegen Andersdenkende und Anderslebende umkehrt.

Da reicht es schon, wenn die Schreiberin des Lokalblatts nicht die beeindruckende Zahl von verzehrten Rollbraten beim Heimatfest hervorhebt, sondern die Krankheit, die einige der Rollbraten-Konsumenten nach dem ­Genuss des zweifelhaften Fleisches befallen hat. Parallelen zu anderweitigen Anfeindungen gegen eine Presse, die nicht das berichtet, was genehm ist, drängen sich nicht von ungefähr auf.

Leutselig sind seine Figuren, aber nur im Rahmen ihres fest umrissenen Weltbilds, das auf den ersten Blick volkstümlich und auf den zweiten zum Grausen ist. Da mag einer noch so sehr beteuern, er sei ein „Volldemokrat“, das Wesen der ­Demokratie wird rasch angezweifelt, wenn doch schließlich ­jeder ein Demokrat sein kann, „auch Kinderschänder und Autohändler“.

Figuren zum Fürchten stehen da auf der Bühne, die selbstgerecht daher schwadronieren und deren Selbstwahrnehmung offenkundig meilenweit von der Realität entfernt ist – wie beim korrupten Landrat, der sich selbst bescheinigt, doch stets mit „humanitärem Beigeschmack“ zu handeln – auch bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu zwölft in einem Zimmer, denn die Enge, die seien die doch von den Booten her so gewohnt.

Alles nur Show

Von solch galligem Humor ein wenig erholen kann man sich zwischendurch bei den musikalischen Darbietungen der Well-Brüder, die sich mit einer Vielzahl von Instrumenten von der Harfe bis zur Drehleier durch bayerische Geschichte arbeiten, auf dem Alphorn auch mal „Yellow Submarine“ spielen oder das Publikum mit Schuhplattler und Milchbauern-Rap gleichermaßen zu Jubelstürmen hinreißen – auch, als sie beweisen, dass sie sich im Vorfeld über Marburger Lokalpolitik kundig gemacht haben und sich über Kita-Gebühren und teure Stadthallen-Renovierungen auslassen.

Während sich die Well-Brüder das Lachen nicht verbeißen können, wenn Polt ans Mikro tritt, sinkt dieser scheinbar mürrisch in sich zusammen, wenn er nicht dran ist, gelegentlich sieht es aus, als kämpfe er gegen den Schlaf an. Alles nur Show: Am Ende dreht der 74-Jährige auf, als ob es kein Morgen ­
gäbe, rockt mit sichtlichem Vergnügen die Halle samt tobendem Publikum und muss um 23 Uhr förmlich mit Gewalt von der Bühne geführt werden.

Einziger Wermutstropfen an diesem Abend: Es waren halt nur die da, die eh schon auf Seiten der Künstler sind – die, die mal hätten zuhören sollen, wenn dumpfe Stammtischparolen und engstirnige Ausgrenzung mit sprachlicher Virtuosität und bitterer Ironie bloßgestellt werden, die haben sicher nicht den Weg ins Audimax gefunden.

von Heike Döhn

 
 
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