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Furioses Konzert vor dem Finale

Michael Wollny Trio Furioses Konzert vor dem Finale

Es war wie die vorgezogene Schlusspartie der Fußballweltmeisterschaft: spannend, leidenschaftlich, kraftvoll und mitreißend bis zum Ende der Verlängerung. Das „Michael Wollny Trio“ riss die Zuhörer zu Standing Ovations hin.

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Marburg. Michael Wollny, der sympathische, mit seiner Wuschelmähne und Stimme jungenhaft wirkende 36-jährige Star-Pianist der deutschen Jazz-Szene, bemühte sich am Sonntagabend nicht, das eine Stunde nach Konzertende anstehende Fußball-WM-Finale auszublenden.

„Wir sind froh, dass wir heute hier spielen dürfen trotz des eventuell historischen Abends“, begrüßte er die 500 Zuhörer, die zum „3 Tage Marburg“-Abschlusskonzert in die Lutherische Pfarrkirche gekommen waren. Und als es an die Zugaben ging, erklärte er: „Wir kommen zur Verlängerung - der Witz ist mir heute früh schon eingefallen.“

Bis dahin hatte es das Trio mit virtuosem Jazz auf weltmeisterlichem Niveau geschafft, das Publikum ähnlich wie die Nationalmannschaft zu euphorisieren. Mindestens ebenso spannend wie beim Endspiel ging es musikalisch zu. Man wusste nie, welche Pässe und Schlenzer kommen, welche Abschlüsse versucht würden, mal klang es elegant-virtuos, dann wieder erfolgten kraftvoll voranstürmende Attacken. Auf überwältigende Klanggewitter erfolgten minimalistisch-effektive Einzelaktionen.

Zu hören waren Stücke von der neuen, hochgelobten CD Weltentraum, aber auch Älteres, atemberaubende Bearbeitungen und vertrackte Arrangements sowie Eigenkompositionen von Wollny und Schlagzeuger Eric Schaefer.

Mit Leichtigkeit überschreitet das Trio die künstlichen Gräben zwischen U- und E-Musik, macht aus Alban Bergs „Nacht“, aus einem Choral von Guillaume de Machaut aus dem 14. Jahrhunderts, aus Hindemith oder Gustav Mahler ebenso Neues, Eigenes und unerhört Spannendes wie aus dem Song „Be Free, A Way“ der Rockband „The Flaming Lips“. Auch die Solo-Improvisationen von Wollny, Schaefer sowie dem neuen, extra aus Zürich angereisten Bassisten Christian Weber wirken nie zufällig, alles fügt sich irgendwie zu einem Ganzen mit Struktur und Form zusammen.

Alle drei Musiker sind virtuos, Wollny zieht aber immer wieder allein schon durch seine kraftvoll-emotionale Spielweise, die den ganzen Körper einbezieht, die Blicke auf sich. Oft beugt er sich ganz dicht über die Tastatur, die er in furiosem Tempo bearbeitet, dann springt er auf, spielt im Stehen, in rhythmischen Teilen marschieren seine Füße wild mit.

Als Zugabe gibt es einen Song von Jon Brion und Charlie Kaufman aus dem Film „Synecdoche, New York“, ein Stück sanft-verträumtes „Easy listening“ als harmonischen Ausklang, um die Zuhörer von dem emotionalen Parforceritt herunterzuholen und nach Hause zu geleiten.

Die spielten aber nicht mit, erhoben sich von ihren Plätzen und erklatschten und erjubelten sich eine Verlängerung der Verlängerung. Wollny deutete einen Blick auf die Armbanduhr an und zuckte mit den Achseln. Zum Schluss erklang etwas, das man kannte, das aber nicht jeder erkannte: eine Bearbeitung des Volksliedes „In einem kühlen Grunde“.

Landrätin Kirsten Fründt, die zwölf Jahre Querflöte beim VfL Marburg spielte, zeigte sich ebenso überwältigt wie andere Besucher: „Ich bin sprachlos, weil ich unglaublich finde, was diese Musiker können. Jeder, der nicht hier war, hat wirklich etwas verpasst.“

von Manfred Schubert

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