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Für hiesige Verhältnisse recht lebhaft

Pelzig in der Stadthalle Für hiesige Verhältnisse recht lebhaft

Er kommt mit „Cord-Hüdli“ und Herrenhandtäschchen. Lost neue Minister aus und weiß, dass man nur frischen Wind sucht, wenn man die Hosen voll hat. Erwin Pelzig. Am Dienstag präsentierte ihn das KFZ in der Stadthalle.

Marburg. Sieben Jahre hat es gedauert, bis er wieder her gekommen ist. Sieben Jahre keine richtige Bühne. Und dann nochmal ein Auftritt in der Stadthalle, bevor sie umgebaut wird. „Schad is net drum“, lästert Erwin Pelzig. Tausend Fans erwarten ihn und dürfen sich am Ende der fast dreistündigen Veranstaltung Lob abholen: „Ihr wart doch auch ganz schön lebhaft - zumindest für hiesige Verhältnisse.“ Angesichts der Reaktion auf seine Fragen merke man doch, dass es sich um eine Universitätsstadt handele, sagt Pelzig. In Niederbayern hätte man die Frage nicht einmal verstanden.

Fragen hat Erwin Pelzig jede Menge. Zum Beispiel warum ein Busfahrer nicht auch mal ein Flugzeug steuern sollte, wenn „maximal unbefangene“ Politiker ein Ministeramt ausüben dürfen. Ob derzeit so viel von „Burn-Out“ die Rede ist, nur weil gerade keine neue Hühnergrippe zur Verfügung steht. Oder ob der Mensch nützlich sein muss. Und wenn ja, wer es dann endlich Dirk Niebel sage.

Antworten gibt es beim fränkischen „Breitbandhumoristen“, wie ihn der Spiegel nennt, natürlich auch. Sei es, dass Armut das Beste für die Umwelt ist oder Ökonomie Glaubenssache. „Und wenn es ernst wird, muss man lügen.“

Schönreden und blenden - so funktioniert die Welt

„Schönreden“, das ist das Schlagwort des Abends. Pelzig erklärt dem Publikum, wie das so funktioniert mit der „kognitiven Dissonanz“. Und offenbart, dass sein Erscheinungsbild des fränkelnden ewig Gestrigen eine optische Täuschung ist. Unter dem „Cord-Hüdli“ von Erwin Pelzig steckt der kluge Kopf des Kabarettisten Frank-Markus Barwasser. Der ist studierter Politikwissenschaftler, Historiker und Journalist und erfand seine Kunstfigur vor 20 Jahren, ursprünglich fürs Radio. Gemeinsam mit „Hartmut“ und „Dr. Goebel“ ließ sich Pelzig über Gott und vor allem die Welt aus und der Stammtisch in Personalunion hat auch heute noch seinen Platz in Pelzigs Programmen.

„Schönreden“ ist übrigens ein entscheidendes Prinzip in unserer Welt: „Wer am besten blenden kann, kommt an die besten Weiber ran“ - so habe die ganze Evolution funktioniert, erläutert Pelzig. Und die Politik? Nichts anderes als die „fröhliche Moderation der eigenen traurigen Bedeutungslosigkeit“. Die Naskapi-Indianer würden Tierknochen ins Feuer werfen, wenn sie nicht weiter wüssten. Sobald sich dann Risse bilden, wird die Richtung eingeschlagen, in die diese zeigen. Wo Merkel eigentlich die vielen Tierknochen hernehme, fragt sich Erwin Pelzig folgerichtig. Ob sie überhaupt Tierknochen verwende. Und wo Friedrich Merz eigentlich geblieben sei.

Pelzigs Vorschlag: eine Rückkehr zur athenischen Demokratie und dem Auslosen von Politikern. Parlamentslotterie. Damit fängt er gleich im Saal an. Er dreht eine große Lostrommel und macht auf diesem Weg Claudia, Angestellte in einem Wissenschaftsverlag zur neuen Wirtschaftsministerin, einen weiteren Zuschauer zum Bundespräsidenten (eine Figur, die laut Pelzig unsere Sehnsucht nach einer Mischung aus dem Dalai Lama, der Stiftung Warentest und Rainer Brüderle erfüllen soll) und David aus dem Vogelsberg bekommt den Atommüll aufgedrückt.

Mit der Herrenhandtasche am Handgelenk holt Erwin Pelzig also zum kabarettistischen Rundumschlag aus. Nach zwei Stunden und 29 Minuten rät Technikmann „Behringer“, Schluss zu machen, der Minutenpreis der Veranstaltung sei schon bei 13 Cents angekommen.

„Er ist gestört, ich bin gestört, ihr seid gestört - des kann ein schöner Abend wern“, hatte Pelzig zu Beginn prophezeit. Und genau das wurde es. Mit großem Applaus und zwei Zugaben.

Es sollen nicht noch einmal sieben Jahre werden, bis er wiederkommt, verspricht Erwin Pelzig. Und Material hat er sicher genug. Schließlich sammelt er in dicken Ordnern allerlei Kuriositäten: lustige Ideen von Ursula von der Leyen, Vorschläge für den Einsatz von Hartz IV-Empfängern oder Fälle, in denen „Neid“ behauptet wird.

von Nadja Schwarzwäller

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