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Fremde Kulturen bereichern Musik

Main-Barockorchester Frankfurt Fremde Kulturen bereichern Musik

Knapp 100 Zuhörer fanden am Sonntagabend den Weg in die Universitätskirche. Mit dem Konzert „Unter dem Halbmond“ erinnerte das Main-Barockorchester an die Zeit der Türkenkriege.

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„Unter dem Halbmond“ lautete der Titel des Konzertes, das von Moritz Pliquet mit Texten aus einem zeitgenössischen Kriegstagebuch begleitet wurde.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Was der Konzertmeister des Main-Barockorchesters (MBO), Martin Jopp, aus seiner Violine zauberte, war wahrlich meisterhaft. Mit 
 einer unglaublichen Geschwindigkeit huschte Jopp durch die schnellen Läufe der Sonata „Die Türkenschlacht bei Wien 1683“ von Anton Andreas Schmelzer, der hierfür aber eigentlich nur den Sätzen der zehnten Rosenkranzsonate von Heinrich Ignaz Franz Biber andere Titel verliehen hat.

Johann Joseph Fux wird nachgesagt, Teil des Ursprungs der türkisierenden Kunstmusik zu sein, die sich später etwa in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ wiederfindet. Dies war deutlich im dritten Satz seiner Trio-Partita „Turcaria“ zu hören, die nach den Janitscharen, der Elitegruppe des Osmanischen Reiches, „Janitschara“ benannt wurde. Hier begeisterte das MBO mit kraftvollem, volkstümlichem Klang, bei dem Jopp durch seine fantastische Bogenführung und Flageolett-Technik überzeugte.

Solistische Trio-Passagen wirken leicht und tänzerisch

So drehte sich das gesamte Programm mit dem Titel „Unter dem Halbmond“ mehr oder weniger um die zweite Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683, auch wenn einige Stücke vorher oder später entstanden sind. Französische Klangkunst, also die des österreichischen Erzfeindes, übernahm etwa Benedikt Anton Aufschnaiter.

In seiner Serenade Nr. 3 aus „Concors Discordia“ verwendet Aufschnaiter typische Merkmale wie die Ouvertürenform oder solistische Trio-Passagen. Diese wirkten nach den ersten beiden, eher schwer klingenden Sätzen, besonders leicht und tänzerisch.

Das MBO bestach in voller Besetzung durch einen ausgewogenen Klang. Das fabelhafte Verhältnis der einzelnen Stimmen verbreitete sich durch die tolle Akustik der Universitätskirche wunderbar, so dass selbst das Cembalo stets gut zur Geltung kam.

Zugabe aus dem Stiftsarchiv

Unter den mit fünf Musikern stark vertretenen Geigern war auch die Marburger Geigenlehrerin Marie Verweyen, der das Gastspiel des MBOs in Marburg zu verdanken ist. „Wir haben ja zwei Konzert-Reihen in Frankfurt und in Gießen. Das ist jetzt für uns ein Pilotprojekt. Die Überlegung besteht, auch in Marburg öfter aufzutreten“, erzählte Verweyen im Gespräch. Zum Konzert kamen auch einige ihrer Schüler der Streicherbande, die in der Pause fasziniert ihr historisches Instrument betrachteten.

Zwischen den Stücken las der Schauspieler Moritz Pliquet aus dem Kriegstagebuch „Flucht und Zuflucht“ des katholischen Priesters Balthasar Kleinschroth, der darin eindringlich von seiner Flucht mit einer Gruppe von Chorknaben aus dem Stift Heiligenkreuz berichtet. Aus dem Notenarchiv eben jenes Stiftes stammte auch die Zugabe, die auf den langen Applaus des Publikums folgte.

Erst vor Kurzem habe er das Stück „Pizzicato“ des Abts Georg Reutter dort entdeckt, berichtete Cellist Christian Zincke, der zuletzt beim Jahresabschlusskonzert der Schlosskonzerte in Marburg gastierte. Er spielte in der Universitätskirche teils auf einer Viola da Gamba und einer größeren Violone. Letztere tauchten auch in den vorgetragenen Texten auf, in denen Kleinschroth zurück in das zerstörte Kloster kehrt. „Zwei sind verbrunnen“, heißt es dort über die verbrannten Instrumente.

von Mareike Bader

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