Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Schüler meistern bewegendes Stück

Freie Waldorfschule Marburg Schüler meistern bewegendes Stück

Theater ist fester Bestandteil des Schulkonzepts der Freien Waldorfschule Marburg. Die 12. Klasse hat sich nun an ein schweres Stück gewagt: „Verbrennungen“ des Libanesen Wajdi Mouawad.

Voriger Artikel
Kunst lockt Menschen in die Stadt
Nächster Artikel
Jubiläums-Slam vor vollem Haus

Eine Szene aus dem Stück „Verbrennungen“. Regisseurin Nina Merzenich setzte auf wenige, dafür durchdachte Bühnenelemente.

Quelle: Nigar Ghasimi

Marburg. Sphärische Klänge ertönen in stimmungsvollem Licht. Effektvoll steigen die ersten Darsteller schwarz gekleidet mit schwarzen Regenschirmen vom Zuschauerraum auf die Bühne und begleiten choreografisch die Musiker, die in das Stück einführen. Es geht um die Lebensgeschichte Nawal Marwans, die von drei Schülerinnen gespielt wird. Als junges Mädchen, als erwachsene Frau und in ihren späteren Jahren.

Nawal stirbt. Testamentarisch verfügt sie, dass ihre beiden in Kanada aufgewachsenen Kinder Jeanne und Simon sich auf die Suche nach ihrem tot geglaubten Vater und ihrem ihnen unbekannten Bruder machen. Sie sollen jedem von ihnen einen Brief Nawals überreichen.
Ganz unterschiedlich gehen die Zwillinge mit diesem letzten Wunsch der Mutter um, die über Jahre schwieg und trauerte. Während Jeanne sich emotional öffnet, aber auch an der Aufgabe zu zerbrechen droht, gibt Simon zunächst der großen Wut und Enttäuschung in seinem Inneren Platz und möchte vergessen. Unabhängig voneinander begeben sie sich in den Nahen Osten, der Heimat der Mutter.

Schweres Thema geschickt bearbeitet

Stück für Stück setzen sie das Leben der Mutter, das von Schrecken und Pein aber auch enormer innerer Stärke geprägt war, wie ein Mosaik zusammen. Dabei zerbrechen Welten und es stellt sich die Frage: Was kann ein Mensch aushalten und dennoch weiterleben? Beklommene Stille herrscht im Saal, als die junge Nawal von dem brennenden Bus erzählt. Mit Benzin wurde er übergossen. Flüchtlinge saßen darin. Es wurde geschossen und alles ging in die Luft. Nicht nur einmal überkommt den Zuschauer Gänsehaut an dem fast dreistündigen Theaterabend.

Die Schülerinnen und Schüler haben unter der Leitung von Nina Merzenich eine grandiose­ Leistung auf die Bühne gebracht. Ein überaus schweres Thema wurde transparent und geschickt bearbeitet. Die komplexen Rollen wurden von jedem Schüler mit viel Ernsthaftigkeit, Engagement und Mut ausgefüllt. Feingefühl und Empathie waren beim Verständnis dieser Schicksale notwendig und es ist beeindruckend, dass so junge Menschen sich dieser großen Aufgabe gestellt haben.

Vergangenheit und Gegenwart zur gleichen Zeit

„Verbrennungen“ erzählt von der Sinnlosigkeit des Krieges, von Menschen, die durch Gewalt fremdbestimmt werden und ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben. Das Stück erzählt von dem Schmerz zweier Kinder, die verstehen wollen und dabei zwischen Stärke und Fragilität hin und her geworfen werden. Es erzählt von einer Mutter, die das Trauma des Verlustes und der Gewalt schweigend mit in ihr Grab trug. Die Ängste, Verletzungen und tiefen Verstörungen werden weitergegeben. Das Stück „Verbrennungen“ hilft, diese Schicksale zu verstehen, denn Nawals, Jeannes und Simons Geschichte ist schon lange auch in Europa angekommen. Und trotz der bedrückenden Thematik vollziehen die Figuren auch hoffnungsvolle Metamorphosen.

Das Bühnenbild kam mit wenigen aber gut durchdachten Mitteln aus. Dabei war eine felsige Landschaft vor einem feuerroten Sonnenuntergang nur eines der vielen Bilder. Mit demselben Equipment wurden ein Gefängnis oder eine Behausung angedeutet. Auch dramaturgisch ging Regisseurin Nina­ Merzenich sehr geschickt vor. Besonders gelungen waren ­jene Szenen, in denen Vergangenheit und Gegenwart zur gleichen Zeit auf der Bühne spielen. Die Geschichte endet mit Lou Reeds Song „Perfect Day“, das den Saal laut durchflutet. Viermal hat die Gruppe mit dem Stück am Wochenende das Publikum beeindruckt.

von Nigar Ghasimi

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr