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„Frauen, esst Chips - nach 18 Uhr“

Kabarettherbst eröffnet „Frauen, esst Chips - nach 18 Uhr“

Das Leben mag eine Kunst sein, in der es viel zu viele Dilettanten gibt. Der Mann, der das zitiert, gehört aber zu den Großen seiner Kunst, des Kabaretts. Christoph Sieber war zu Gast in Marburg.

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Mimik, Gestik, Politik und Alltag: Christoph Sieber brachte zum Auftakt des Marburger Kabarettherbsts alles auf den Punkt.Collage: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Da hatte er sich so gefreut, dass schon vor seinem Auftritt im Marburger KFZ der erste Fan auf ihn zukam. Und was sagt die Frau dann zu ihm? Nix von wegen Autogramm geben. „Brauchen Sie noch ‘ne Karte?“

Aber immer noch besser als vor kurzem in Bad Wildungen. Gegen das Publikum dort kam Christoph Sieber die erste Reihe in Marburg geradezu pubertär vor. Der Kabarettist bedankte sich, dass alle zu seinem Programm „Alles ist nie genug“ gekommen waren - schließlich könnte man stattdessen so schön beim Grillen sitzen. Und kaum hatte der zweite Teil des Programms begonnen, das Lob: „Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen“. Kunstpause. „Für Marburg.“

Nicht nur die Zuschauer im KFZ bekamen am Freitagabend ihr Fett weg. Als er mutmaßte, die Presse würde sicher darüber schreiben, wie die erste Reihe fertiggemacht würde, erkundigte sich Sieber, was man hier denn für eine Zeitung habe. „Oberhessische Presse“ - die sei dann sogar überregional? Ein Verbreitungsgebiet von mehreren hundert Menschen also! Geschickt platziert Christoph Sieber immer mal wieder eine lokale Spitze und bezieht das Publikum in sein Programm mit ein. Inklusive der Ankündigung, er würde sofort das Gespräch entgegennehmen, wenn ein Handy klingelt.

Und wo wir gerade das Stichwort „Fett“ hatten. Seine 94-jährige Großmutter sei jüngst mit einem Cholesterin-Spiegel heimgekommen. Wo sie den denn auf einmal her habe? „Vom Arzt.“ Jetzt soll sie keine Butter mehr essen, sagt der. Mit 94? Da solle sie sich mit Butter einschmieren, findet Christoph Sieber. Überhaupt gehörten Diäten aus allen Frauenzeitschriften gestrichen. „Frauen, esst Chips! Nach 18 Uhr!“ Ein klarer Aufruf zum zivilen Ungehorsam. Und vielleicht sollten wir uns ein Beispiel an China nehmen, wo der Arzt bezahlt werde, solange man gesund sei.

Sein verbales Buttermesser jagt Sieber in so gut wie jedes Thema. Europa ist tot, Armut gewollt und Bildung überschätzt, lautet seine kabarettistische Diagnose. Und bevor man eine Demokratie exportieren möchte, müsste man sie erstmal selbst haben, findet Sieber.

Ach ja, die Bundesregierung. „Man hat keine Erwartungen mehr und selbst die können sie nicht erfüllen.“ Kein Wunder, dass er irgendwann als Heribert Hausler daherkommt, „Trennungsbeauftragter der Bundesregierung“, der dem Publikum mitteilt, dass es als Volk doch eigentlich gar nicht mehr gebraucht wird.

Wenn die Jungen so viel saufen, dass die Alten vom Flaschenpfand noch leben können, dann sei das ein Zeichen des sozialen Ausgleichs. Und warum millionenschwere Steuersünder jagen, wenn man einem Hartz-IV-Empfänger nachweisen kann, dass er in diesem Jahr keinen neuen Wintermantel braucht?

Garniert wird Christoph Siebers Programm mit der „politischsten Jonglage der Welt“ und einer Hip-Hop-Einlage. Sportsgeist beweist der Kabarettist dann auch bei der pantomimischen Untermalung eines Kommentars vom Dressur-Reiten - nicht umsonst hat der Mann Pantomime studiert.

Seine Ehrenurkunde von den Bundesjugendspielen 1979 ist lange her. Seitdem hat Christoph Sieber jede Menge anderer Preise abgeräumt: vom Deutschen Fachmedienpreis über den Bayrischen Kabarettpreis bis hin zum „Memminger Maul“ im vergangenen Jahr.

Allein für seine Geschichte vom „Schienenersatzverkehr“ hätte man schon getrost auf den Grill-Abend verzichten können. Von den „seherischen Fähigkeiten von Aldi-Kassiererinnen“ über den Sinn von unterwassertauglichen iPads bis hin zu schwer erziehbaren Eltern: Alles war perfekt kabarettistisch gewürzt und „auf den Punkt“, wie man auch in der Kochsprache sagt.

Fazit? „Die Welt geht unter - mach was draus!“

von Nadja Schwarzwäller

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