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Die Moral als Luxusgut

Franzobel las im Café Vetter Die Moral als Luxusgut

In dem auf einer wahren Begebenheit beruhenden Roman „Das Floß der ­Medusa“ unternimmt der Wiener Franzobel eine beklemmende Reise in den animalischen Teil der menschlichen Psyche.

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Der Autor Franzobel war zu Gast im Café Vetter.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Zu welchen Grausamkeiten ist der Mensch fähig, wenn er so gut wie hoffnungslos verloren ist, sich jedoch mit aller Kraft gegen den sicheren Tod stemmt? Diese Frage stellte sich Franzobel in seinem neuen ­Roman „Das Floß der Medusa“.

Im Jahr 1816 erlitt ein französisches Schiff vor der senegalesischen Küste Schiffbruch. Die Rettungsboote reichten nur für 250 Menschen. Die übrigen Reisenden wurden auf ein provisorisches Floß abgeschoben. Die unglückselige Gemeinschaft begann eine 13-tägige Irrfahrt, bevor sie gegen jede Wahrscheinlichkeit gerettet wurde – nackt, ausgemergelt, traumatisiert. Von 147 Menschen überlebten lediglich 15.

Franzobels Roman ist ein Mix aus Fakten und Fantasie. Während der Wiener historische Quellen studierte – Überlebende hatten die Ereignisse auf dem Floß überliefert – und den Unglücksort besuchte, ersann er Namen von Passagieren, Aussehen und Charakterzüge. Dabei brilliert er mit Einfalls- und Detailreichtum.

„Ich habe drei Jahre an diesem Buch gearbeitet. Es war die intensivste Recherche meiner Karriere“, unterstrich der 49-Jährige, der seit 1992 Bücher und Theaterstücke veröffentlicht und mehrere Literaturpreise gewonnen hat. Um den 30 Zuhörern im Café Vetter das Frühstück nicht zu vermiesen, umschiffte der Österreicher besonders düstere Passagen seines Werkes. Hungertod und Haie dezimieren die Aussätzigen, die Passagiere werden zu Kannibalen, menschlicher „Ballast“ wird über Bord gestoßen.

„Moral ist etwas, das man sich leisten können muss“, meint Franzobel. Eine absolute Moral gebe es nicht, sondern hänge von den äußeren Umständen des Individuums ab. Die 200 Jahre alte Geschichte ist, aufgrund der Schiffbrüche afrikanischer Flüchtlinge im Mittelmeer, brandaktuell.

von Benjamin Kaiser

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