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Der einsame Wolf wählt AfD

Kabarettist Erwin Pelzig Der einsame Wolf wählt AfD

Nicht ohne Cordhut, Herrentasche und kariertes Hemd: Erwin Pelzig, seit 1993 die Kunstfigur, die Frank-Markus Barwasser geschaffen hat, präsentierte in der gut gefüllten Stadthalle sein Programm „Weg von hier“.

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Frank-Markus Barwasser schlüpft seit vielen Jahren in die Haut von Erwin Pelzig.

Quelle: Felix Busjaeger

Marburg. Die äußere Erscheinung mag dem Betrachter zunächst das Gefühl vermitteln, dass er es mit einem Hinterwäldler zu tun hat, doch wie so häufig trügt der erste Eindruck gewaltig. Auf der Bühne wird im besten fränkischen Dialekt gezetert, es werden politische Missstände angegriffen und es wird über aktuelle Entwicklungen geflucht. Mit messerscharfen Gedanken und furiosen Wutausbrüchen prangert der zunächst unscheinbar wirkende Mann die Irrwege an, auf der die Menschheit wandelt.

Besonders nach der vergangenen Bundestagswahl ist es ein Herzenswunsch von Pelzig, die Ursachen für den Erfolg der AfD zu ergründen. Schnell steht fest: Die größte Schuld trägt der „weiße, einsame, ­heterosexuelle Mann“, der in großen Scharen in Mecklenburg-Vorpommern anzutreffen ist, verlassen von den gut ausgebildeten ­Frauen, die allesamt Landflucht begingen, und der sich das Land nun mit den ebenso einsamen ­Wölfen teilt.

Pelzig nimmt die politischen Verirrungen der vergangenen Monate sprachlich ins Visier, formuliert präzise seine Gedanken und lässt sie gewisser­maßen auf demokratisch gewählte Despoten wie Donald Trump oder Recep Tayyip Erdogan niedergehen. Die Witze zünden und in der Stadthalle jubelt das Publikum.

Doch der Abend wäre ein bisschen einseitig, wenn Pelzig seinen Zuhörern nicht auch etwas beibringen wollen würde. Ein einzelner Stuhl am Bühnenrand entpuppt sich als Kernstück der Walt-Disney-Methode. Dieser habe zwar drei Stühle gehabt, aber mit einem funktioniere es genauso gut, da ist sich Pelzig ­sicher.

Streitgespräche
 zwischen Kunstfiguren

Ein Stuhl war zum Träumen, der zweite für die kritische Betrachtung und der dritte für eine realistische Abwägung des Geträumten. Auch Pelzig nutzt diese Methode, um zu zeigen, wie große Persönlichkeiten unserer Zeit, unter anderem Face­book-Erfinder Mark Zuckerberg, ihre Ideen entwickelt haben und wie diese schließlich umgesetzt wurden.

Leidenschaftlich sind auch die Streitgespräche, die Pelzig mit seinen ungleichen Freunden, dem konservativen Dr. Göbel und dem stets alkoholisierten und etwas einfacher gestrickten Hartmut, führt. Verkörpert werden die beiden ebenfalls von Barwasser.

In diesen Dreier-Szenen brilliert der Kabarettist, wechselt lückenlos zwischen den drei Charakteren und lässt am ­Ende den in die Enge getriebenen und den Entscheidungen des Alltags ausgesetzten Dr. Göbel vulkanartig explodieren. Diese Wutausbrüche beenden die Szenen mit einem krachenden Crescendo und sorgen für Beifallstürme.

Erst nach fast drei Stunden verlässt Pelzig alias Barwasser die Bühne und überlässt die Zuschauer ihren Gedanken – über einsame Männer aus Mecklenburg-Vorpommern, über die Veränderungen, die man durch mehr Denken vorantreiben könnte – und über den Mann mit dem Cordhut, der gezeigt hat, dass Träumen immer Teil von etwas Größerem ist.

von Felix Busjaeger

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