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Frank Castorfs "Siegfried" mit Warnhinweis

Bayreuther Festspiele Frank Castorfs "Siegfried" mit Warnhinweis

Premiere mit Knalleffekt: Gewehrsalven in der „Siegfried“-Inszenierung von Frank Castorf haben bei den Bayreuther Festspielen für Aufregung gesorgt. Nach einer versöhnlichen „Walküre“ verärgert der Regisseur jetzt wieder das Publikum.

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Vor einer kommunistischem Mount Rushmore mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao spielt Frank Castorfs „Siegfried“-Version. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Quelle: Enrico Nawrath

Bayreuth. Die Bayreuther Festspiele hatten noch vor der Aufführung gewarnt: „Verehrte Besucher, wir weisen Sie darauf hin, dass es im 2. Aufzug zu einem lauten Bühneneffekt (Gewehrsalve) kommt“, heißt es auf Hinweisschildern, die vor der Premiere von Richard Wagners „Siegfried“ im Foyer des Festspielhauses hängen und sogar auf den Toiletten. „Entsprechende Schallmessungen ergaben, dass das Gehör der Besucher dadurch nicht gefährdet oder geschädigt wird.“

Und doch gibt es große Aufregung: Kurz nachdem Siegfried (Lance Ryan) den in einem Lindwurm verwandelten Riesen Fafner (Sorin Coliban) auf der Bühne mit einer Kalaschnikow aus dem Weg geräumt hat, wird einem Besucher schlecht. Er muss gestützt werden, doch die Festspielleitung gibt kurze Zeit später Entwarnung: Dem Mann gehe es wieder gut.

Richtig gefährlich für Leib und Leben ist die Inszenierung des Berliner Regisseurs Frank Castorf also nicht - immerhin. Doch auch in der dritten Runde im Bayreuther „Ring“ findet Castorfs Inszenierung keine Linie. Nahezu alles wirkt wie ein spontaner Einfall des Regisseurs - ein ungeordnetes Brainstorming auf der Bühne. Und unglücklicherweise scheint das Thema dieses Brainstormings nicht zwangsläufig Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ zu sein.

Nach einer US-amerikanischen Tankstelle im „Rheingold“ und einer Ölförderstation in Aserbaidschan in der „Walküre“ verfrachtet Castorf die berühmte Geschichte um das Gold an einen kommunistischen Mount Rushmore - mit den steinernen Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao. Auf der anderen Seite der Drehbühne ist der Berliner Alexanderplatz zu sehen mit Weltzeituhr, U-Bahn-Schild und Überwachungskameras, die das Geschehen auf der Bühne in ruckartigen Schwenks aus einem anderen Blickwinkel zeigen.

Das Bühnenbild (Aleksandar Denic) ist grandios und beeindruckend, keine Frage. Doch was Castorf damit sagen will? Vielleicht soviel wie mit kopulierenden Krokodilen in der großen finalen Liebesszene zwischen Siegfried und Brünnhilde (Catherine Foster)? Vielleicht eigentlich gar nichts.

Die Plastik-Krokodile könnten zumindest eine Anspielung auf die umstrittene „Tannhäuser“-Inszenierung von Sebastian Baumgarten sein, die sich wegen Gummitieren auf der Bühne Spott einhandelte und jetzt bereits 2015 aus dem Bayreuther Spielplan fliegt - einer von vielen zusammenhanglosen Spontan-Einfällen des inhaltlich wohl einigermaßen uninspirierten Regisseurs.

Nach dem dritten Teil drängt sich mehr und mehr der Verdacht auf, dass Castorf eigentlich gar nichts sagen will mit seiner Inszenierung, dass er keine neue Deutung vorlegt und eigentlich auch gar nicht wirklich will, dass man sie ernst nimmt. Der Kampf ums Öl, den er als übergeordnetes Thema ausgegeben hat, findet sich im „Siegfried“ schon überhaupt nicht mehr.

Wütende Buh-Rufe gibt es nach der Aufführung - aber natürlich nicht für die Musik. Dirigent Kirill Petrenko (erneut Star des Abends) und die Sänger, allen voran die in der „Walküre“ von einigen Zuschauern noch kurzzeitig ausgebuhte Catherine Foster als Brünnhilde, Ryan als Siegfried, Wolfgang Koch als Wotan und Burkhard Ulrich als Mime wurden einhellig gefeiert.

Vor allem Foster und Ulrich zeigen eine beeindruckende Leistung an diesem Premierenabend. Ryan, derzeit einer der gefragtesten Helden-Tenöre, natürlich auch. Man hat ihn allerdings schon kraftvoller erlebt. Zwischendurch wirkt er etwas abgekämpft.

Am Mittwoch folgt die letzte „Ring“-Oper, „Die Götterdämmerung“, die an der New Yorker Wall Street spielen soll. Nach dem vierten Teil wollen Castorf und sein Team sich auf der Bühne zeigen und dem Publikum stellen.

Spätestens nach diesem „Siegfried“ ist klar: Sie müssen sich wohl auf einiges gefasst machen.

von Britta Schultejans

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