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Flaschenpost an russischen Oberpiraten

OP-Buchtipp: Jan Kossdorff: „Leben spielen“ Flaschenpost an russischen Oberpiraten

Klingt nach einer guten Geschäftsidee: Theater spielen ohne festes Haus, das Repertoire bestimmen einzelne, zahlungskräftige Zuschauer.

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In Jan Kossdorffs Buch „Leben spielen“ lassen sich Schauspieler dafür bezahlen, Wunschszenen darzustellen.

Quelle: www.corn.at, Deuticke im Paul Zsolnay-Verlag

Irgendwann kommt sie, die Sinnkrise. Jahrelang hat man sein Innerstes nach außen gekehrt, hat sich klein gemacht vor seinen Lehrern, um auf der Bühne Größe zeigen zu können.

Der Wiener Mischa ist so einer, ein Mittdreißiger, den die künstlerischen Selbstzweifel so vehement packen, dass er alle laufenden Engagements kündigt und sich einen Normalo-Job als Anzeigenverkäufer sucht. Bürgerliches Leben, Freundin, Hund und: Nie wieder im Rampenlicht stehen!

Der in Österreichs Hauptstadt lebende Jan Kossdorff kennt die Milieus, in der er seinen aktuellen Roman „Leben spielen“ 
ansiedelt, bestens. Kossdorff ist Drehbuchautor, Journalist und Werbetexter – und ein Romancier, der die leiseren Töne und den schlendernden Erzählfluss liebt.

Seine Figur Mischa lässt Kossdorff auf der Trauerfeier für seinen Schauspiellehrer auf einen alten Freund treffen, der ihm eine auf den ersten Blick sonderbare Offerte macht: Wie wäre es, wenn man nach Zuschauern sucht, die selbst mitspielen wollen – in einem Stück, das eine wichtige Episode ihres eigenen Lebens nachstellt?

Jede Inszenierung unkalkulierbar

Was zunächst ein wenig abseitig klingt, mündet ausgerechnet durch die tatkräftige Mithilfe von Mischas Freundin Valerie in den ersten Auftrag: Ein alternder Drehbuchautor aus Kalifornien will in Wien noch einmal die Szene durchleben, in der er sich als junger Mann unsterblich in eine Frau verliebt hatte, die er letztlich verlassen sollte.

Mischa, Valerie und Ideengeber Sebastian perfektionieren ihren Schauspiel-Service und erfreuen sich zu ihrer eigenen Überraschung eines riesigen 
Zulaufs. Bis nach Thailand führt sie ihr Geschäft, nur weil ein österreichischer Winzer einmal 
James Bond sein will. Kann er – vorausgesetzt, er kümmert sich um Honorar und Spesenrechnungen.

Was Kossdorff beschreibt, ist letztlich nichts anderes als die Idee vom Dinner-Krimi, in dem die Gäste mit professionellen Schauspielern am Tisch sitzen und sich als Täter, Opfer oder Ermittler betätigen. Allein die Konsequenz, mit der das Trio sein Spiel auf die individuellen Wünsche der Auftraggeber abstimmt, macht jede „Inszenierung“ zu einer unkalkulierbaren Angelegenheit.

Und dass der Wunsch, auf Zeit in eine andere Rolle zu schlüpfen, allerdings bisweilen fatale Folgen haben kann, werden die Wiener Miet-Mimen ebenfalls erfahren: Nur knapp schrammen sie an massiven Problemen vorbei, als ein Auftraggeber mit den beiden Schauspielern auf einer Flussinsel ein wenig Tom Sawyer und Huck Finn erleben möchte …

  • Jan Kossdorff: „Leben spielen“, Deuticke im Paul Zsolnay-Verlag, 384 Seiten, 19,90 Euro.

von Carsten Beckmann

Leseprobe

Hannes begann nun, immer öfter wortgenaue Zitate aus dem Buch zu verwenden, sprach Mischa und Sebastian mit Tom und Joe an und sagte nicht nur einmal, dass man sie wahrscheinlich schon vermisste und nach ihnen suchte, so lange wie sie schon auf der Insel waren. Also nannten die beiden Hannes nun Huck und vertieften sich etwas mehr in die eigentliche Geschichte: drei Jungen, enttäuscht und gekränkt von ihren Familien und der Dorfgemeinschaft, beschlossen, von nun an ein Leben als Piraten zu führen. Der Nachmittag verging mit allerlei Zerstreuungen: Sie fanden einen Biberbau oder etwas, das sie dafür hielten, und legten sich lange vergeblich auf die Lauer.

Als die Rumflasche leer war, machten sie eine Flaschenpost daraus. Sie schrieben einen Brief an den russischen Oberpiraten Putin, denn nach ihren Berechnungen musste die Flasche an den Küsten der Krim angespült werden.

 
 
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