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Feurige Lust am turbulenten Treiben

Studenten-Sinfonieorchester Feurige Lust am turbulenten Treiben

Beim Abschied vom Sommersemester setzt das Studenten-Sinfonieorchester Marburg (SSO) nicht auf Populäres. Dennoch waren die Zuhörerreihen im Audimax am Dienstag nahezu voll besetzt.

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Das Studenten-Sinfonieorchester Marburg musizierte unter der Leitung von Ulrich Manfred Metzger.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Im ersten Teil seines Semesterabschlusskonzertes bietet das SSO seinem Publikum zwei Marburger Premieren. Gleich mit dem Auftakt entfachte es am Dienstagabend einen Begeisterungssturm. Denn die gehobene sinfonische Unterhaltungsmusik liegt dem SSO besonders gut – die traditionellen Filmmusik-Zugaben am Ende eines jeden Konzertes beweisen es.

Und so sind die jungen Musiker auch Feuer und Flamme für die Musik von Leonard Bernstein, der nicht nur als Dirigent, sondern auch als ebenso bedeutender Komponist nie einen Unterschied zwischen E- und U-Musik gelten ließ.
Unsterblich geworden ist er allein schon durch sein Musical „West Side Story“. Ebenso meisterhaft komponiert hat er auch „Candide“, ein auf Voltaire fußendes Bühnenwerk, das Musical, Operette, komische und große Oper zugleich ist.

Ulrich Manfred Metzger peitschte sein Orchester mit feuriger Gestik durch die mitreißenden Konfliktrhythmen der „Candide“-Ouvertüre, ohne es aus dem Gleis zu bringen, widmete sich auch mit Hingabe den Inseln melodischer Glückseligkeit.

Beim Abschied vom Sommersemester setzt das Studenten-Sinfonieorchester Marburg (SSO) nicht auf Populäres. Dennoch waren die Zuhörerreihen im Audimax am Dienstag nahezu voll besetzt.

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Die Lust am turbulenten Treiben setzte sich fort in jenem einsätzigen Klavierkonzert, das der 21-jährige Richard Strauss, Schöpfer großformatiger Tondichtungen und Opern, nicht ohne Grund „Burleske“ genannt hat.
Denn wie das ebenso bezeichnete Theaterstück mit seiner grotesken bis zotigen Komik greift auch Strauss zum Mittel der Überzeichnung, womit er Pauken, Klavier und Orchester in einen Dialog treten lässt, der zeitweise Wettkampf-Charakter annimmt.

Johannes Brahms mit seinem vollgriffigen Klaviersatz und Franz Liszt mit seiner brillanten Spieltechnik spiegeln sich im ziemlich wild gestalteten Solopart wider – ein Paradestück also zur Demonstration pianistischen Draufgängertums. Andreas Hering, der als Philippinum-Schüler vor Jahren unter der Leitung von Burchard Schäfer im SSO Violoncello gespielt hatte, erwies sich nicht nur als energisch und kraftvoll zupackender Tastenvirtuose.

Der 32-Jährige sorgte mit klangschön gestalteten Kantilenen auch für beseelte Momente der Ruhe und ließ mit äußerster Zartheit in der bezaubernden Walzer-Passage kurz vor dem Schluss des 20-minütigen Werkes die Töne perlen – fast wie bei Mozart, einem weiteren Vorbild von Strauss.

Nah am Profi-Niveau

Nach der Pause wagte sich das SSO an einen 60-minütigen sinfonischen Koloss, den erst Anfang des Jahres der Marburger Konzertverein am selben Ort seinem Publikum geboten hatte. Wer die modellhafte Interpretation von Anton Bruckners sechster Sinfonie durch das Wuppertaler Sinfonieorchester erlebt hat und jetzt das SSO hört, kann nur sagen: Hochachtung. Zwar lassen sich ein Berufs- und ein Laienorchester generell nicht miteinander vergleichen. Aber gerade die Wiedergabe von Bruckners Sechster zeigte, wie nah an Profi-Niveau das SSO derzeit heranreicht – was auch Metzgers penibler Probenarbeit und umsichtiger Leitung während der Aufführung zu verdanken ist.

Die strahlend-kraftvollen Blechbläser sind beim SSO ja immer eine „sichere Bank“. Aber auch die Holzbläser überzeugten mit kultiviertem und sprechendem Spiel. Aufhorchen ließen immer wieder die samtweichen Hörner – im Quartett, aber auch solistisch. Und die Streicher fühlten sich nicht nur zu Hause in fein abgestuften Piano-Regionen, sondern sorgten auch für klangliche Opulenz.

Als der letzte Ton verklungen war, ließen die knapp 800 Zuhörer den Applaus geradezu explodieren, wofür sich Metzger und das SSO nach dem Motto „gerührt und nicht geschüttelt“ mit einem ebenso explosiv musizierten Medley aus „James-Bond“-Filmen revanchierten.

  • Das Konzert wird am Samstag ab 18 Uhr im Audimax wiederholt.

von Michael Arndt

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