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Festivalauftakt am Gießener Bahnhof

Stadttheater zeigt „Tanzart ostwest“ Festivalauftakt am Gießener Bahnhof

Mit der „Tanzart ostwest“ zeigt das Gießener Stadttheater internationalen zeitgenössischen Tanz. 
Die Eröffnung fand am Gießener Bahnhof statt.

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Mit der Performance „World Wi(l)de Walking“ von Félix Duméril wurde die aktuelle „Tanzart“ am Sonntag am Bahnhof eröffnet.

Quelle: Wegst

Gießen. Ein Bewusstsein schaffen für die vielen kleinen und großen Automatismen des Alltags und das Zwischenmenschliche, das in zahlreichen und häufig kaum registrierten Interaktionen das gesellschaftliche Miteinander täglich bestimmt. Kunst im öffentlichen Raum kann beides erreichen, wie Choreograf Félix Duméril am Sonntagabend am Gießener Bahnhof deutlich gemacht hat.

Sein tänzerischer Parcours „World 
 Wi(l)de Walking“ war der Auftakt der aktuellen Auflage des Festivals „Tanzart ostwest“, das noch bis Montag am Stadttheater läuft. Rund eine Stunde lang ließ der Choreograf sein Publikum den Tänzern über das Bahnhofsgelände folgen, und am Ende gab es donnernden Applaus. Keine Frage, das war ein Auftakt nach Maß.

Fast unmerklich geht es los

Ein lauer Frühlingsabend an Gleis 11. Nach und nach trudeln einige hundert Gäste ein. In der Luft liegt ein leiser und sektschwangerer Plauderton als Roland Meuschke als Leiter des Gießener Bahnhofsmanagementes und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz das Publikum begrüßen.

Fast unmerklich geht es los. Denn Tänzer William Banks nimmt den Gesprächsfaden mit der Sozialdemokratin auf und gleitet so in die Performance, die die Barriere zwischen Kunst und alltäglicher Formalität damit quasi spielerisch überwindet. Und dann heißt es für die Gäste: Immer dem Schild mit der Aufschrift „Follow me“ nach, denn die acht Akteure der Tanzcompagnie treten an unterschiedlichen Stellen auf.

Kurze Darbietungen gibt es an Gleis 11 und an den Schließfächern im Bahnhofsgebäude, in dessen Zentrum der größte Teil des Abends stattfindet. Interessant ist es, während der Darbietungen zu schauen, was rundherum passiert. Denn mit der Choreografie von Duméril verfolgt das Theater eben auch das Ziel, Menschen, die sonst weniger Kontakt zum zeitgenössischen Tanz haben, anzusprechen. Das ist am Sonntagabend gelungen: Die Wartebereiche um das Gebäude und entlang der Gleise scheinen wie leergefegt. Wer gerade am Bahnhof ist und Zeit hat, schaut sich die Choreografie an.

Federleichte Tanzbewegungen

Und die ist tatsächlich allererster Güte, denn Duméril und den Seinen ist es geradezu famos gelungen, das Bahnhofsleben in tänzerischen Bewegungen zu reflektieren. Der Choreograf, der auch den Festivalauftakt 2015 im Sitzungssaal der Gießener Stadtverordneten gestaltet hatte, hat eine höchst vitale Performance geschaffen, die mit reichlich Humor daher kommt.

Im Fokus stehen die vielen kleinen Interaktionen und täglichen Situationen am Bahnhof wie der Kauf der Fahrkarte, die Hektik angesichts des bereits einfahrenden Zuges oder das versehentliche Anrempeln im Stress. Duméril sowie die Tänzer Yuki Kobayashi, Kristina Norri, Célia Ronsmans, Alice Weber, Skip Willcox, Francesco Mariottini, Alberto Terribile und Banks haben sie in federleichte Tanzbewegungen gegossen, die mit ihrem Schwung ansteckend wirken.

Zwar ist das Ganze nicht so akrobatisch wie letztes Jahr im Parlamentssaal. Aber darum geht es auch nicht: Die Arbeit der Künstler spiegelt die Bahnhofssituation und damit gesellschaftliches Leben in ihrer Bewegungssprache glänzend wider und regt so zum Nachdenken an, auch über Anonymität 
in der Masse. Kurz, ein glänzender Festivalauftakt, den man schon jetzt dank der feinen Abstimmung mit dem Aufführungsort durchaus als einen der Höhepunkte des mittelhessischen Kulturjahres bezeichnen kann.

  • Weitere Aufführungen sind am 15. und 16. Mai ab 11 Uhr im Bahnhof.
  • Weitere Infos, auch zum gesamten Festival, unter www.tanzart-ostwest.de.

von Stephan Scholz

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