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Festival lotet breites Spektrum aus

Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche Festival lotet breites Spektrum aus

Die 19. Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche KUSS läuft. Der Montag machte das große Spektrum des Festivals deutlich: Es gab einfühlsames Theater für die Kleinsten und spannendes Theater für Jugendliche.

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Tolles Jugendstück: Patrick Bartsch (links) als Maik und Arthur Oppenländer als Tschick.Foto:Kinder- und Jugendtheater Speyer

Marburg. Was für ein Verlust für die deutsche Literatur. Am 26. August vergangenen Jahres setzte der unheilbar erkrankte Schriftsteller Wolfgang Herrndorf seinem Leben ein Ende. Drei Jahre zuvor hatte er „Tschick“ veröffentlicht. Ein Jahr lang stand der Roman über die ungewöhnliche Freundschaft zweier Jugendlicher im Alter von etwa 14 Jahren auf den deutschen Bestsellerlisten. Theater reißen sich um das Buch, weil Herrndorf unglaublich authentisch und sehr nah am Lebensgefühl heutiger Jugendlicher eine wunderbare Geschichte erzählt. Der Roman ist inzwischen Schullektüre.

Am Montag war das Kinder- und Jugendtheater Speyer mit „Tschick“ im Theater am Schwanhof zu Gast. Die Produktion zeigt, dass man auch mit wenigen, geschickt eingesetzten Mitteln äußerst spannendes Jugendtheater machen kann. Es ist nämlich keineswegs einfach, Jugendliche ab 12 Jahren zu fesseln. Den drei Darstellern Corinna Ketter, Arthur Oppenländer und Patrick Bartsch ist dies über 90 Minuten großartig gelungen: Einige große Fässer und wenige weitere Requisiten reichten ihnen aus, um die Geschichte dieser Freundschaft zwischen Maik und Tschick zu erzählen, einer Freundschaft, die deshalb so ungewöhnlich ist, weil Maik (Patrick Bartsch) und Tschick (Arthur Oppenländer) aus völlig unterschiedlichen sozialen Schichten stammen. Maiks Eltern sind reich, die Mutter (Corinna Ketter) Alkoholikerin, der Vater ein rücksichtsloser Tyrann. Tschick ist Sohn russischer Einwanderer. Beide lernen sich an der Schule kennen und brechen in einem gestohlenen Lada auf zu einer wunderbaren Odyssee. Die Welt ist zu 99 Prozent schlecht, sagen Maiks Eltern. Doch Tschick und Maik sind auf ihrer Reise „immer dem einen Prozent begegnet“ - also tollen Menschen.

Die drei jungen Darsteller wirken in ihren Rollen sehr authentisch. Während Patrick Bartsch als jugendlich unsicherer Maik als Erzähler durch das Stück führt, wechseln Corinna Ketter und Arthur Oppenländer zwischen verschiedenen Rollen: Eine neue Bluse und ein Sektglas machen aus Corinna Ketter die alkoholkranke Mutter, eine bunte Bluse und gelbe Stiefel die junge Isa, in die sich Maik vorsichtig verliebt. Ein Sakko und Brille verwandeln Arthur Oppenländer vom neugierig-sympathischen Träumer Tschick in den rücksichtslosen Vater.

Theater für „Zwerge“

Lebt „Tschick“ von der Sprache, so lebt „Aneinander vorbei“ von Choreografien, von Bewegung, von Musik. Mit „Aneinander vorbei“ gastierte am Montagnachmittag der renommierte Berliner Grips-Theater in Marburg. Das Grips-Theater ist eigentlich bekannt für seine großartigen Jugendtheaterproduktionen. Nun wagt sich das Ensemble an ein Stück für Kleinkinder ab 2 Jahren.

Die beiden Darsteller René Schubert und Regine Seidler improvisieren gemeinsam mit dem Musiker Martin Fonfara Szenen, die den Allerkleinsten aus ihrem eigenen Familienalltag bekannt sind: Es geht um das Anziehen, um das Zähneputzen, um das Schlafengehen - vor allem aber geht es um das Spielen. Die Darsteller spielen „spielen“, zanken sich um Kartons, die die wesentlichen Requisiten dieser Produktion sind, und als Turm im Hintergrund stehen. Die Sprache ist extrem reduziert auf Ausrufesätze wie „Noch mal!“ oder „Ach Mensch!“.

Und die Darsteller wissen um die Reaktionen der kleinen Besucher: Immer wieder weint mal ein ängstliches Kind in der ungewohnten Umgebung dort auf den Sitzkissen ganz nah an der Spielfläche, flüchtet auf den Schoß von Mama oder Papa. Und doch wollen sie wissen, was dort eigentlich passiert, was die in schwarz gekleideten Menschen dort machen. Sie spielen Kinder, die Neues entdecken, sie spielen Eltern, die ängstlich sind. Und wenn sie Spaghetti essen und die auf dem Kopf landen, lachen alle los.

„Aneinander vorbei“ ist ebenso poetisch wie verspielt. Und wenn am Ende alle Kinder neugierig auf den Luftballon sind, der mit den Namen der Besucher davon schwebt, wollen ihn fast alle haben oder zumindest einmal anfassen.

Zwischen diesen beiden Polen - zwischen „Tschick“ und „Aneinander vorbei“ - bewegt sich das aktuelle deutsche und internationale Kinder- und Jugendtheater. Für die Jury, die am Ende der Woche den Festivalpreis vergibt, macht es dies nicht unbedingt leichter: Sie müssen Äpfel mit Birnen vergleichen.

Mittwoch ist bei KUSS zu sehen: „Ich und du von Kopf bis Schuh“ um 9 Uhr (für Kinder ab 3), „Die Meerjungfrau in der Badewanne um 10 Uhr (ab 7) und „Der Zementgarten“ um 18 Uhr (ab 14)

von Uwe Badouin

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