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Fesselnder Dialog mit dem Orchester

Breslauer Philharmoniker mit Pianisten Alexej Volodin Fesselnder Dialog mit dem Orchester

Daniel Raiskin dirigierte am Samstag innerhalb von zehn Jahren bereits das vierte Sinfoniekonzert beim Konzertverein – diesmal aber nicht am Pult der Rheinischen Philharmonie Koblenz.

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Der Pianist Alexej Volodin musizierte gemeinsam mit dem großen Orchester der Philharmonie Breslau im Audimax.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Und noch etwas fiel auf: Hatte der aus St. Petersburg stammende Maestro früher nur den Taktstock beiseitegelegt, um langsame Sätze zu formen, so verzichtete er am Pult des Philharmonischen Orchesters Breslau völlig auf den Dirigentenstab, ohne dass dies der Präzision des Musizierens schadete.

Mit den Musikern aus der europäischen Kulturhauptstadt 2016 arbeitet Raiskin verstärkt zusammen, nachdem er die sieben Jahre währende Leitung der Arthur-Rubinstein-Philharmonie Lodsz, mit der er ursprünglich nach Marburg kommen wollte, aufgegeben hat – die organisatorische, personelle und finanzielle Situation dort sei für ihn zu unstet gewesen, sagte er unlängst in einem Zeitungsinterview. Auch aus Koblenz verabschiedet er sich zum Ende der Saison nach elf Jahren als Chefdirigent – aber im Guten, weil er „als Pragmatiker“ lieber „vermisst als weggewünscht“ wird.

Die Epoche der Romantik ist dem Emotionsmusiker Raiskin ein Herzensanliegen. Damit hatte er sich in seinen ersten drei Marburger Gastspielen bereits in die Herzen des hiesigen Publikums gespielt. Das gelang ihm auch am Samstag wieder mit Meisterwerken von Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky, die etwa zur gleichen Zeit entstanden sind: in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Und er konnte sich dabei hundertprozentig auf sein Orchester verlassen – fast am Ende einer 14-tägigen Tournee durch Europa.

Volodin überzeugt

Die Philharmoniker aus Breslau erwiesen sich als Spitzenorchester, das sich mühelos in der Liga der hochkarätigen deutschen Rundfunk-Sinfonie-Orchester behaupten könnte. Und sie musizierten in einer derart großen Streicherbesetzung, wie sie in Marburg schon sehr lange nicht zu hören war: mit acht Kontrabässen in Tschaikowskys fünfter Sinfonie, wofür sich insgesamt an die 80 Musiker auf dem Podium des Audimax drängten. Das gab dem Klangbild bei aller Wucht eine warme Rundung, die in vorausgegangenen Orchesterkonzerten dort so nicht zu erleben war.

Im zweiten Klavierkonzert von Brahms ließ Raiskin noch nicht den vollen Streicherapparat auffahren, weil dort die überaus kultiviert musizierenden Blechbläser ohne Posaunen und Tuba auskommen.

Der ebenfalls aus St. Petersburg stammende Pianist Alexej Volodin hätte sich ohne Weiteres auch gegen diese behaupten können. Sein Spiel überzeugte jedoch nicht nur durch kraftvoll zupackende Energie und mühelose Virtuosität.

Auch sein Dialogisieren mit dem Orchester fesselte, besonders eindringlich im herrlichen Andante, als Volodin sich vom betörend singenden Solo-Cello zu ausdrucksvoll deklamierten Ornamenten inspirieren ließ. Nach dem musikantisch-beschwingten, ungarisch gefärbten Rondo-Finale ruhten die fast 600 Zuhörer so lange nicht, bis Volodin noch einmal am Flügel Platz nahm, um bei Chopin die Tasten zu streicheln.

Nussknacker-Stück als Zugabe

Tschaikowskys Fünfte ist von seinen drei letzten Sinfonien beim Konzertverein die am meisten gespielte. So emotional aufwühlend und zugleich betörend wohlklingend ist diese „Schicksals-Sinfonie“ jedoch dort noch nicht musiziert worden.

Raiskin ist selbst Geiger und Bratscher, was sich auf den leidenschaftlich singenden Streicherklang übertrug. Aber auch die Hörner und Holzbläser bewiesen eine beseelte Klangkultur, die das Publikum bannte. Nach dem triumphalen Siegesmarsch des Finales, der laut Tschaikowsky die „vollständige Beugung vor dem Geschick“ ausdrückt, baten die Zuhörer mit ihrem langanhaltenden Applaus um eine Zugabe.

Raiskin und das Philharmonische Orchester Breslau verbeugten sich damit vor Tschaikowsky als dem genialsten der romantischen Ballettkomponisten und spielten den schwelgerisch-sinnlichen Pas de deux aus dem 2. Akt des „Nussknackers“.

von Michael Arndt

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