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Femme Fatale trägt weiß

Theater GegenStand Femme Fatale trägt weiß

120 Zuschauer sahen vergangene Woche in der Waggonhalle die Premiere von „Entrasst“, das aus der Feder des syrischen Autors Nemer Salamun stammt.

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Desdemona (Frauke Oberländer) ist am Ziel ihrer Machenschaften, als sie Jago (Matt Dressler) vergiftet hat.Foto: Kaiser

Marburg. „Entrasst! oder Othello, das Bleichgesicht von Venedig“ basiert auf William Shakespeares „Othello“. Shakespeare erzählt die Tragödie des dunkelhäutigen Feldherren Othello im Venedig des 17. Jahrhunderts, der seine hellhäutige Geliebte, die einflussreiche Desdemona, ermordet, da er auf eine Intrige seines vermeintlichen Vertrauten Jago hereinfällt und daraufhin Selbstmord begeht.

Die Groteske „Entrasst“ behält diese drei Charaktere bei, übernimmt zwei kurze Szenen aus dem Urtext eins zu eins, entwickelt ansonsten jedoch eine völlig neue Handlung. So ist nicht Jago (Matt Dressler) der Intrigant der Geschichte. Diesen Part hat Desdemona (Frauke Oberländer) übernommen, die nach der Ermordung durch den reuigen Othello von Jago aus dem Totenreich zurückgeholt wird. Im Gegenzug muss Othello (Hubert Klinger) seine Macht abtreten und mit Jago, der sich anschließend zum faschistischen Diktator aufschwingt, die Hautfarbe tauschen.

Thematisiert werden in dem vom Marburger Theater GegenStand erarbeiteten Stück vorrangig Faschismus und Rassismus. Aber auch um Rache geht es. Das Rachemotiv verkörpert Desdemona. Frauke Oberländer brilliert in der Rolle der untoten Femme Fatale im weißen Abendkleid, wenn sie in einer Szene die liebevolle Ehefrau und in der nächsten den blonden Racheengel mimt, der Jago nach dem Leben trachtet. Es ist die herausragende Leistung in einem schauspielerisch starken Ensemble. „Das Stück vermittelt keine Hoffnung in die Menschheit und die Menschlichkeit. Es ist eine Mahnung an die Bösartigkeiten, die existieren“, erklärt die aus Spanien stammende Regisseurin Nina Karen.

Durch das „Blackfacing“ - hellhäutige Schauspieler werden mit brauner Gesichtsfarbe verändert - erhalte Shakespeares Urtext einen neuen Kontext. „Die Botschaft ist, dass Symbole die Bedeutung haben, die die Gesellschaft ihnen zuschreibt. Triviales wie eine dunkle Hautfarbe ist im 21. Jahrhundert immer noch ein Thema“, erklärt die erst 21-jährige Regisseurin.

Dass der hellhäutige Jago sich in dem Stück zum dunkelhäutigen Faschisten aufschwingt, ist Karens Fingerzeig auf die menschliche Natur: „Eine Botschaft des Stücks ist, dass jeder ein Faschist sein kann, ungeachtet der Hautfarbe.“

von Benjamin Kaiser

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