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Fans schwelgen mit ihren Helden in Ostalgie

Karat in der Stadthalle Fans schwelgen mit ihren Helden in Ostalgie

„Über sieben Brücken musst du geh‘n“ ist vielen von Peter Maffay bekannt. Das Original stammt jedoch von Karat, einer Kultband der ehemaligen DDR. Am Montag traten die Altrocker in der Stadthalle auf.

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Sänger Claudius Dreilich hat seinen verstorbenen Vater bei „Karat“ ersetzt. Er ist mit Abstand der jüngste Musiker der alten DDR-Rocklegende.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Rund 400 Zuschauer warten auf den Auftritt der Deutschrock-Band. 1975 gegründet, sind die Musiker heute etwas in die Jahre gekommen: Michael Schwandt ist 65, trägt ein T-Shirt und kommt geradezu auf die Bühne gehopst, um dann fröhlich lächelnd auf seinem Schlagzeug zu spielen. Gitarrist Bernd Römer, 60, hat lange blonde Haare, trägt hautenge Jeans und ein Peace-Zeichen um den Hals. Ebenfalls langes blondes Haar hat Bassist Christian Liebig, 58, der zu Jeans und Stiefeln lediglich eine Weste trägt. Keyboarder Martin Becker, 51, und Sänger Claudius Dreilich, 42, wirken dagegen optisch eher unauffällig.

Auch der Altersdurchschnitt des Publikums dürfte zwischen Mitte 50 und 60 liegen. Trotzdem braucht die Band nicht lange, um die Zuschauer anzustecken. Bei einem der bekanntesten Stücke der Band, „Schwanenkönig“, ertönen schon bei den ersten Zeilen Jubelgeschrei und Applaus.

Claudius Dreilich ist erst seit 2005 Sänger der Band, nachdem sein Vater ein Jahr zuvor an Krebs gestorben war. Er hat seine Rolle eingenommen und ist in sie hineingewachsen. Gesten und Mimik Dreilichs sind ausdrucksstark, er ballt die Hände zu Fäusten, öffnet sie und schiebt sie nach vorne, wenn er zum Beispiel in dem Lied „Falscher Glanz“ singt: „Wir waren vereint eine einzige Nacht, dann hast du mir kalt in die Augen gelacht“. Seine Interpretation wirkt gefühlvoll und bedeutungsschwer.

Gitarrist und Bassist hingegen wirken cool. Hinten ist die gemütliche Abteilung, der Keyboarder und der Schlagzeuger sitzen auf einem Podest, an ihren Instrumenten hängen Kuscheltiere.

Viele der Stücke haben atmosphärische Instrumentalteile wie etwa „Albatros“. Nach dem Song sagt Dreilich: „Und sowas wird heute nicht mehr im Radio gespielt, unglaublich, oder? Das ist zu lang“. Dann schickt er noch einen Gruß nach Berlin hinterher, an Ulrich „Ed“ Swillms, der diesen und viele weitere Songs geschrieben hat.

„Das Konzert ist Wahnsinn, einmalig“, schwärmt ein Mann in der ersten Reihe während der Pause. Er ist selbst in der DDR aufgewachsen, wie 90 Prozent der Zuschauer, so schätzt er, nachdem er sich ein wenig umgehört hat. Also Ostalgie? „Ja klar!“, meint er, „die waren ja mit die Größten bei uns!“ Albrecht Feige aus Marburg meint: „Mich überrascht, dass die noch so gut sind.“ Der 58-Jährige erzählt, er sei gekommen, um sich an alte Zeiten zu erinnern. Heute fallen ihm Unterschiede auf, über das Lied „Albatros“ meint er: „Das war stark verändert, das hörte sich moderner, lauter, technischer an.“

Dreilich und seine Kollegen verstehen es, mit ihren eingängigen Melodien und ihrer Bühnenperformance, das Publikum mitzureißen. Als sie „Der blaue Planet spielen“, schließen einige die Augen und singen mit. Bevor Karat „Über sieben Brücken musst du geh‘n“ spielt, lässt die Band das Publikum den Text singen. Dann noch ein zweites Mal, weil das erste Mal zu leise war. Dafür gibt es später Standing Ovations - erst stehen nur eine Handvoll Zuschauer auf, dann der ganze Saal. „Oh, wie ist das schön, sowas hat man lang nicht mehr geseh‘n“ stimmt ein kleiner Chor von Zuschauern an, als sie im Rhythmus klatschend auf die Zugabe warten.

von Freya Altmüller

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