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Familiensaga fehlt es an Tiefgang

Roman: Kronhardt Familiensaga fehlt es an Tiefgang

Mit seinem Roman „Kronhardt“ hat der Schriftsteller Ralph Dohrmann eine breit angelegte Familiensaga präsentiert, die sich über einen Zeitraum von 60 Jahren bis in die Gegenwart erstreckt.

Marburg. Im Mittelpunkt des Romans steht Willem Kronhardt, der Erbe einer Bremer Strickwaren-Fabrik. Dabei verfolgt Ralph Dohrmann auf mehr als 900 Seiten die Lebensgeschichte des später erfolgreichen Unternehmers. Fast die Hälfte des Buches spielt in den 50er Jahren, in der der junge Willem in der Wiederaufbauzeit der Bundesrepublik die Schulbank drückt.

Manchmal geht es quälend langatmig zu in diesen Passagen, in denen sich der junge Willem zwischen Pennälerstreichen und Ferien an der Nordsee allmählich seinen Weg ins Leben findet. Mitunter ist die Sprache dieses Buchs dabei genauso bieder-verschwiemelt, wie man sich heutzutage im Rückblick das Alltagsleben in den 1950er Jahren vorstellt. Und so vermittelt Dohrmann durchaus eine Ahnung vom Zeitton.

Immer wieder flicht Dohrmann auf geschickte Weise zeitgeschichtliche Ereignisse in seine Familiensaga ein. Dabei kommt die Beschreibung der Gegebenheiten in der Fabrik, die Willem einmal erben soll, leider oft etwas zu kurz.

Das Leben schreitet im Zeitraffer voran: Nach etlichen amourösen Zwischenspielen lernt Willem die Frau kennen, die er heiratet und auch einiges zur Umstrukturierung und innovativen Veränderung des Firmenimperiums beizutragen hat. Dabei sind manche Auseinandersetzungen in der Familie durchaus treffend beschrieben.

Mittlerweile haben wir die Hälfte des Buchs hinter uns gelassen und sind in der Gegenwart gelandet. Zu diesem Zeitpunkt der Geschichte fügt Dohrmann den doch recht konstruiert wirkenden Strang einer Kriminalgeschichte ein. Mit Hilfe eines Detektiv-Teams will Willem rekonstruieren, wieso sein leiblicher Vater in den 40er Jahren zu Tode kam und wie sich das auf sein Leben mit Mutter und Stiefvater ausgewirkt hat. Recht schwerfällig setzt sich nun eine Maschinerie in Gang, die einem Geschehen auf die Spur kommt, das für Verschwörungstheoretiker ein gefundenes Fressen wäre. Dieser Teil des Buchs krankt jedoch daran, dass die Geschichte nicht besonders spannend erzählt ist.

Denn Dohrmann ist ein umständlich angelegter Erzählstil zu eigen, der von vielen Verästelungen und Abschweifungen zehrt, die allerdings auch den eigentlichen Reiz dieses Buchs ausmachen.

Im Gegensatz zu anderen episch angelegten Familienromanen wie Thomas Manns klassischen „Buddenbrooks“ oder Oskar Roehlers aktuellem Beispiel „Herkunft“ fehlt es Dohrmanns aber trotz aller positiver Ansätze an literarischem Tiefgang: Seine Charaktere werden nicht plastisch.

Ralph Dohrmann: Kronhardt. Ullstein Verlag 928 Seiten. 24,99 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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