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Falstaff im Seniorenheim

Salzburger Festspiele Falstaff im Seniorenheim

In die Mailänder Casa Verdi, ein von Giuseppe Verdi gestiftetes Altenheim für Musiker, verlegt Regisseur Damiano Michieletto Verdis Spätwerk bei den Salzburger Festspielen.

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Die Windsor-Weiber erteilen dem fülligen Helden Falstaff (Ambrogio Maestri) eine Lektion – sie beerdigen ihn auf dem Sofa des Altenheims.Foto: EPA/Barbara Gindl

Quelle: Barbara Gindl

Salzburg. Rush hour im Salzburger Haus für Mozart: Vor der Casa Verdi in Mailand tobt der nachmittägliche Verkehrswahnsinn. Das sehen die Zuschauer auf einer Großleinwand, ehe der Prospekt durchsichtig und der Blick frei wird auf das Innenleben des Hauses: schwere, etwas altmodische Sitzmöbel und natürlich ein Verdi-Porträt. Dieser Ort mit seinen exzentrischen Bewohnern ist selbst eine Art Opernbühne und kein schlechter Platz für die umjubelte Neuinszenierung von Verdis „Falstaff“ am Montagabend bei den Salzburger Festspielen.

Im Ambiente des Seniorenheims erlebt man die turbulente Komödie um den verarmten, aber immer noch für alle irdischen Versuchungen aufgeschlossenen Edelmann Sir John Falstaff als den nächtlichen Traum eines alternden Sängers. Dieser hat früher selbst den Falstaff verkörpert und zehrt im Ruhestand von seinen Erfolgen. Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen der Realität des Altenheims und den imaginierten Ausschweifungen, denen sich der nimmersatte Künstler hingibt.

Der italienische Regisseur Damiano Michieletto, der in Salzburg im vergangenen Jahr eine stilsichere „Bohème“ mit Anna Netrebko realisierte, hält seine Idee bis zum Schluss durch, ohne dabei verkrampft zu wirken.

Es gelingen ihm originelle Bilder, wie der Zimmerpflanzen-Wald aus Gummibäumen und Yuccapalmen, zwischen denen die vom liebestollen Falstaff hintergangenen Windsor-Weiber samt Anhang dem fettleibigen Schürzenjäger eine mitternächtliche Lektion erteilen.

Die festspielwürdige Aufführung von Verdis Spätwerk, das in seinem abgeklärten Charakter mit den großen dramatischen Verdi-Opern nur wenig zu tun hat, hätte noch mehr glänzen können, wenn die Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta nicht fast durchweg zu laut gespielt hätten. Mehta ließ das Blech dröhnen, was dem filigranen Geflecht von Verdis Wunder-Partitur nicht gut tat.

Erst in der Nachtszene im dritten Akt fand der Dirigent zu einer etwas differenzierteren Spielweise.

Glücklicherweise verfügt der Bariton Ambrogio Maestri über eine derart mächtige Stimme, dass er die Klangwogen aus dem Orchestergraben mühelos zu übertönen vermochte. Maestri ist auch rein körperlich der geborene Falstaff, ein hünenhaftes Schwergewicht, neben dem Mehta beim finalen Applaus fast zierlich wirkte.

Buhfreier Jubel für alle Beteiligten, vor allem auch für den schmachtenden Tenor von Javier Camarena als Fenton und den anrührenden Sopran von Fiorenza Cedolins als Mrs. Alice Ford. Zum Schluss verschwand Maestri kurz hinter der Bühne, um seine Senioren-Strickjacke abzulegen und im klassischen Renaissance-Gewand wieder zu erscheinen. Da hatte der Vollblut-Mime endgültig die Herzen des Publikums erobert.

von Georg Etscheit

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