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Falscher Inder und deutscher Spießer

Neue Filme in Marburg Falscher Inder und deutscher Spießer

Es muss nicht immer Hollywood sein. Gleich zwei deutsche Kinoproduktionen starten heute in den Kinos. In den beiden Komödien "Vijay und ich - Meine Frau gehtfremd mit mir" und "König von Deutschland" sind unter anderem Moritz Bleibtreu und Olli Dittrich zu sehen.

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Die Ehe von Will (Moritz Bleibtreu, links) und Julia (Patricia Arquette) war eingeschlafen. Als verkleideter Inder Vijay kommt es zu einer amourösen Verstrickung der beiden.Foto: Senator

Marburg. In der hinreißenden Verwechselungskomödie „Vijay und ich - Meine Frau geht fremd mit mir“ erobert Moritz Bleibtreu nach seiner Verwandlung in einen Inder das Herz seiner Frau neu. Eine Klamotte in bester Screwball-Manier.

Ausgerechnet an seinem 40. Geburtstag scheinen die pubertierende Tochter Lily (Catherine Missal) und Ehefrau Julia (herrlich spröde: Patricia Arquette) den Schauspieler Will (Moritz Bleibtreu) zu ignorieren. Trost und Zuflucht findet Will bei seinem Freund, dem indischen Restaurant-Besitzer Rad (Danny Pudi). Der verwandelt seine lateinamerikanischen Kellner gerne mit viel Schminke, Kontaktlinsen, künstlichen Bärten und Turbane in waschechte Inder. Am nächsten Tag erfährt Will aus dem Radio, dass sein Auto in einen Unfall verwickelt war und er für tot gehalten wird. Nach anfänglichem Entsetzen wittert er seine Chance, noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Will lässt sich von Rad zum Inder verwandeln und läuft künftig also als indischer Geschäftsmann durchs Leben - zunächst aber zu seiner eigenen Beerdigung. Mit Ausnahme seiner Tochter und seines senilen Vaters (Michael Gwisdek) scheint ihn dort niemand zu erkennen - auch seine Frau nicht. Schon wenig später macht sie ihm eindeutige Avancen.

Das alles hat bereits viel Komik. Der in Deutschland geborene und aufgewachsene belgische Filmemacher Sam Garbarski („Irina Palm“, 2007) inszeniert das noch dazu mit so leichtem, unverkrampftem Witz, dass den Charakteren die Herzen zufliegen. Und natürlich spickt er die Geschichte mit reichlich Absurditäten. In bester Tradition der Screwball-Comedy stattet Garbarski seine Figuren mit skurrilen und daher umso liebenswerteren Angewohnheiten aus. So schön, intelligent und unterhaltsam kann eine Verwechslungskomödie im 21. Jahrhundert sein.

König von Deutschland:

Zwischen Schrankwand, Ledergarnitur und Großbildfernseher, auf den er täglich vier Stunden lang guckt, lebt der Angestellte Thomas Müller (Olli Dittrich) in einer Mietwohnung mitten in Deutschland. Mit seiner Ehefrau Sabine (Veronica Ferres) redet der blasse Mittvierziger 15 Minuten, beider Sex dauert genau 7 Minuten. Um 6.18 Uhr klingelt bei Müller der Wecker, im Bad braucht er 24,6 Minuten. Sein Auto ist ein Volkswagen, das Lieblingsgericht Schnitzel mit Kartoffelsalat. Das ist die Ausgangslage im Kinofilm „König von Deutschland“.

Die Durchschnittlichkeit des Mannes, den man früher als Otto Normalverbraucher bezeichnet hätte, macht ihn attraktiv für die Meinungsforschung - sprich für Wirtschaft und Politik. So kommt es zu einem für ihn undurchsichtigen Spiel, das mit dem Rauswurf aus seiner Firma beginnt. Müller, der einen hohen Kredit abbezahlen muss, landet im sehr anonym wirkenden Unternehmen Industries Unlimited. Dort muss er nichts Anderes tun, als mit seinem diabolischen Chef Stefan Schmidt (Wanja Mues) Möbel, Kleidung und Lebensmittel einzukaufen und zu allem seine Meinung zu sagen.

Es hätte so schön werden können: eine gesellschaftskritische Grundidee, die Besetzung mit Kultkomiker Dittrich, der wahrhaft genial - zwischen Fernseh-“Dittsche“ und diversen Werbespots - in die Haut von Durchschnittsbürgern zu kriechen versteht. Dazu ein junger Autor und Regisseur, dem als Sohn des großen, inzwischen 68-jährigen Helmut Dietl („Schtonk!“, „Rossini“) das Genre der Parodie quasi in die Wiege gelegt worden sein müsste. Doch das Kinodebüt des 31-jährigen David Dietl - zugleich sein Abschlussfilm an der Hochschule DFFB in Berlin - enttäuscht. Vom brillanten Geist Dietls erklärter Vorbilder, amerikanische Sozialsatiren wie Peter Weirs „Die Truman Show“ (1998) und Sam Mendes‘ „American Beauty“ (1999), lässt es wenig spüren. Ziemlich vorhersehbar reiht sich alles aneinander, Szenen und Dialoge fehlt es dabei an Pointiertheit und funkelndem Witz.

Beide Filme starten im Capitol.

von Britta Schmeis und Ulrike Cordes

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