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„Ey, Doitscha, wie bist denn du drauf?“

Lesung von Adriana Altaras „Ey, Doitscha, wie bist denn du drauf?“

Von tragikomischen Eklats aus dem Leben einer deutsch-jüdischen Familie, anhaltenden Religions- und Generationenkonflikten und dem Erbe der Nachkriegsgeneration berichtet Adriana Altaras in ihrem „Doitscha“.

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Mit viel Witz und Scharfsinn las Autorin Adriana Altaras in der Marburger Synagoge vor über 200 begeisterten Zuhörern aus ihrem neuen Buch „Doitscha“ vor, Signierstunde inklusive.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Schlagfertig, frech und mit vielen komischen Spitzen beschreibt Adriana Altaras ihr turbulentes Familienleben in Berlin. Sie erzählt von Identitäts- und Religionskonflikten mit allen tragischen wie humorvollen Facetten. Am Mittwoch begeisterte sie über 200 Zuhörer in der Marburger Synagoge.

In der unterhaltsamen Veranstaltung las sie Auszüge aus ihrem im November vergangenen Jahres erschienenen Buch „Doitscha - eine jüdische Mutter packt aus“. Es handelt von dem chaotischen Leben einer jüdisch-deutschen Familie, Auseinandersetzungen zwischen dem Ehemann und dem pubertären Sohn David, der dem Vater sein Deutschsein geradezu vorwirft. Der hochbegabte Sohn wäre gerne Israeli, „übernimmt gerne die Rolle des erwählten Volkes“ und lehnt seinen westfälischen Vater ab. Nicht nur am täglichen Abendbrottisch kritisiert er den Ehemann der Erzählerin mit „Ey, Doitscha, wie bist denn du drauf“. Während der Vater Respekt einfordert, steht die Mutter zwischen den Fronten. Die Auseinandersetzungen werden schon Normalität. Sogar die Polizei zeigt nach einer nächtlichen Rauferei zwischen den Kontrahenten Verständnis: „In einem deutsch-jüdischen Haushalt gibt’s eben Konflikte“, meint ein Beamter. „Deutscher zu sein ist ja an sich schon nicht einfach, in einer jüdischen Gemeinde erst recht nicht“, ergänzt die Autorin.

"Ein wenig Renovierungsarbeit ist noch nötig"

Während manche von einem deutsch-jüdischen Neuanfang sprächen, sei in ihrer Familie „vom Kriegsende nichts zu spüren“, kommentiert Altaras die ständigen familiären Konflikte. Bis der sture Sohn Berlin verlässt und ins gelobte Land reist, die Mutter auf den Fersen. „David muss noch viel erreichen, um ein richtiger Jude zu sein“, so die Autorin. Und wenn es nur darum gehe, in verschiedenen Sprachen fluchen zu können.

Neben „Doitscha“ stellte Altaras Auszüge aus ihrem ersten Buch und Bestseller „Titos Brille“ aus dem Jahr 2011 vor. In diesem widmet sie sich der „Geschichte ihrer strapaziösen Familie“. Die irreführende Verwendung des Begriffs deutsch-jüdisch wählt sie stets mit Absicht. „Eigentlich sollte es Nicht-Jude und Jude heißen“, betont die Autorin, die damit gezielt mit alten Vorurteilen spielt. Mit dem heutigen deutsch-jüdischen Verhältnis hat sie sich intensiv beschäftigt, „ein wenig Renovierungsarbeit ist noch nötig“, betont Altaras.

Von „verordneter Trauer“ angesichts der erschreckenden Nazi-Vergangenheit hält sie nichts, alle säßen doch heute im selben Boot. „Wir sind nicht die Opfer und nicht die Täter - wir sind die Kinder derer.“ Paradoxerweise sei dies etwas, das uns verbinde, betont sie. Gleichzeitig berichtete sie über ihre positiven Erfahrungen mit ihrem Buch. „Es hat sich eine Form der Entspannung entwickelt, wir sind so weit“, so Altaras.

"Authentisch, lebendig und witzig"

Das Publikum honorierte den teilweise zum Schreien komischen Abend samt Gedankenaustausch mit anhaltendem Applaus. „Eine tolle Lesung. Altaras hat den Mut, zu dem, was sie sagt, auch zu stehen. Es ist wichtig, der Vergangenheit mit einer modernen Umgangs- und Lebensweise zu begegnen“, lobte etwa Dr. Uta Hildebrand. „Es hat mir sehr gut gefallen, die Autorin hat eine sehr authentische, lebendige und witzige Art“, fand auch Zuhörer Bogomir Drobnic.

„Da sie gleichzeitig Schriftstellerin und Schauspielerin ist, bringt sie das Buch gleich völlig anders rüber - und das in einer absolut passenden Atmosphäre“, lobte Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburg.

Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren, lebte in ihrer Kindheit in Italien, später in Deutschland. In Marburg besuchte sie die Waldorfschule, studierte später Schauspiel in Berlin und New York. Sie spielte in Film- und Fernsehproduktionen, inszenierte in den 1990er Jahren an Schauspiel- und Opernhäusern und erhielt zahlreiche Film- und Theaterpreise.

von Ina Tannert

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