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Experiment mit Licht und Schatten

"Amok"-Premiere am Hessischen Landestheater Experiment mit Licht und Schatten

„Warum läuft Herr R. Amok?“ Das fragen sich nach der Premiere am Samstagabend im Hessischen Landestheater auch die Zuschauer. Regisseur Christian Fries will nicht hinterfragen, er will experimentieren.

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Stefan A. Piskorz (von links), Sebastian Muskalla, Oda Zuschneid, Ogün Derendeli (verdeckt) und Annette Müller in „Warum läuft Herr R. Amok?“.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Für jemanden, der selten ins Theater geht, kann - nein: wird - die Bühnenadaption von Michael Fenglers und Rainer Werner Fassbinders Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ ziemlich irritierend sein. Es gibt keine wirkliche, aufeinander aufbauende Dramaturgie. Die fünf Figuren auf der kahlen weißen Bühne bleiben schemenhaft, kaum greifbar. Meist sind sie ins Groteske überzeichnete Karikaturen, die vor einer weißen Wand agieren und auch im Publikum Platz nehmen, weil man das heute eben so macht, um das Publikum mit einzubeziehen.

Wenn die Zuschauer Platz nehmen, stehen und sitzen die Darsteller bereits auf der Bühne. Über einen Fernsehbildschirm laufen Nachrichten von Oktober 1977: Das Stück wird von Regisseur Fries von 1970 in den sogenannten Deutschen Herbst verlagert, in die Zeit der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer durch die RAF, in die Zeit der Entführung einer Lufthansa-Maschine über den Jemen nach Mogadischu.

Eine weiße Wand begrenzt die Spielfläche auf einen schmalen Steifen, der gerade mal einem Sofa und einem Fernseher Platz bietet. Die fünf Darsteller verfolgen die Nachrichten eher gelangweilt. Minutenlang fällt kein Wort. Stille ist ohnehin ein Stilmittel in dieser sehr kargen, eher experimentellen Inszenierung: Immer wieder gibt es längere Passagen ohne ein Wort.

Wer den Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder oder zumindest dessen Handlung nicht kennt (und das dürfte die absolute Mehrheit der deutschen Bevölkerung sein), wird Schwierigkeiten haben, sich die Geschichte zusammenzusetzen: Herr R. ist ein Technischer Zeichner. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn ein klassisches bürgerliches Leben: Seine Frau träumt von R‘s Beförderung (die nicht kommt) und von einem Ski-Urlaub, der Sohn hat Schwierigkeiten in der Schule. Alltag in einer Durchschnittsfamilie. R. versucht bei einem Betriebsfest mit seinem Chef Brüderschaft zu trinken und wird zurückgewiesen. Zu Hause erschlägt er seine Frau, seinen Sohn und eine zufällige Nachbarin mit einem Kerzenleuchter. Eine Kurzschlusshandlung, die zeigen soll: Jeder kann zum Amokläufer werden.

Wieso R. Amok läuft, wird weder im Film und schon gar nicht im Bühnenstück hinterfragt. Zudem muss man sich in der Version von Fries die Entwicklung noch mühsam erarbeiten, denn die Dialoge der Darsteller sind von geradezu schmerzhafter Banalität. Alles beabsichtigt - aber will man das wirklich sehen?

Doch gelingen Fries und den fünf Darstellern Ogün Derendeli, Annette Müller, Stefan A. Piskorz sowie Sebastian Muskalla und Oda Zuschneid als Herr und Frau R. auch mitreißende und bitter-komische Theaterszenen. Grandios ist Annette Müller als überdrehte Lehrerin, toll sind die Chorszenen, wenn die Stimmen der Darsteller verschmelzen.

Ob dies über einen gut 100-minütigen Theaterabend trägt, muss jeder selbst entscheiden. Vom Premierenpublikum gab es am Samstagabend langanhaltenden Applaus.

Weitere Vorstellungen sind morgen Abend, am 25. September und 5. Oktober jeweils um 19.30 Uhr in der Bühne am Schwanhof.

von Uwe Badouin

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