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Es fehlt an Tempo

Stadttheater Gießen zeigt „Mao und Ich“ Es fehlt an Tempo

Das Stadttheater hat eine mutige Entscheidung 
getroffen. Denn erst als zweite Bühne zeigt man Ulrike Syhas „Mao und Ich“, das bei der Mannheimer Uraufführung nicht besonders gut wegkam.

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Marek F. (Oliver Jaksch) und Ruth P. (Carolin Weber) brechen in Richtung China auf.

Quelle: Wegst

Gießen. Am Ende der Premiere im Großen Haus gab es fleißigen Applaus für die Gießener Version von Regisseur Dirk Schulz, dessen Inszenierung mit Vielseitigkeit besticht. Allerdings hat sie auch eine eklatante Schwäche: Es fehlt sehr deutlich an Tempo.

Die Geschichte führt Marek F. und seine ewig unerfüllte Liebe Ruth P. zu einer Konferenz nach Zentralchina. Dort treffen die beiden auf Mareks Stiefvater Lars M., der alles andere als ein gutes Verhältnis zum Sprössling hat. Es zwischenmenschelt schwer, was allerdings das zentrale Charakteristikum des gesamten Stücks ist. Dort sucht Ruth nach der bislang unbekannten Vergangenheit ihres Ehemanns, hier stachelt eine IT-Managerin ihre Affäre auf.

Erfahrene Theatergänger werden es sich vielleicht bereits denken: Dieses Zwischenmenscheln bedeutet, dass es kaum Aktion gibt auf der Bühne. Es wird viel monologisiert, dialogisiert und debattiert, was an sich noch nicht schlecht ist. Eingefasst ist diese Gesprächigkeit von den Kommentaren eines Erzählers, der Syhas Regieanweisungen vorträgt und so praktisch einen doppelten Boden eröffnet. Was ist Fiktion, was Realität? Was Charakter und was Selbstinszenierung?

Drehbühne ermöglicht filmische Techniken

Diese Doppelbödigkeit rundet die Figurenanalyse praktisch ab und karikiert zugleich das Medium Film, auf das immer wieder Bezug genommen wird. Das ist allerdings kein Selbstzweck: Im Gegenteil könnte man den Film als Metapher für inszenierte Wirklichkeiten auffassen, die durch die Parallelität der Ebenen als schöner Schein entlarvt werden.

Bernhard Niechotz verortet das Ganze auf der Drehbühne, deren Beweglichkeit filmische Techniken wie den Zoom ermöglicht. Ansonsten ist die Rampe fast nackt, abgesehen von einer großen Videoleinwand und Utensilien wie Lampions, die in den Chinaszenen immer wieder von der Decke gelassen werden. Bei den Kostümen setzt Niechotz auf Alltagsbekleidung. Alles in allem eine gelungene Bühnenoptik, die den Schauspielern mit den Hauptdarstellern Oliver Jaksch als Marek, Carolin Weber als Ruth und Roman Kurtz als Lars genau den richtigen Raum bietet, um ihre Persönlichkeiten verbal zu entfalten.

Damit nun zum großen Manko des Abends: Dieses sehr sprachfokussierte Stück dauert in der Gießener Version rund zwei Stunden und 15 Minuten, die tatsächlich sehr lang werden. Das liegt nicht per se an Syhas Stück und bedeutet auch nicht, dass Schulz‘ Inszenierung schlecht ist. Nein, gerade die Pluralität der Ebenen, die sehr schön und teils witzig umgesetzt ist, macht Spaß.

Die Schauspieler zeigen allesamt gute Leistungen, nur fehlt es sehr deutlich an Tempo. Es würde der Gießener Version gut tun, die Sprechgeschwindigkeit zu erhöhen. Auch hätte man das eine oder andere Szenchen kürzen können, doch daran liegt es nicht zwingend. Einfach ein bisschen mehr Zug in die Sache, dann ist Aufführung Numero zwei von Syhas Stück ein Hit.

  • Weitere Vorstellungen am 30. Januar, 12. und 28. Februar, 19. März sowie am 3. April um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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