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Es bewegt sich nur die Drehbühne

Stadttheater Gießen Es bewegt sich nur die Drehbühne

Zwei echte Klassiker stehen derzeit auf dem Spielplan des Stadttheaters. Und zwar in einer Inszenierung: Am Samstag ­hatte der Antikenabend mit „Ödipus auf Kolonos“ und „Antigone“ Premiere.

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Antigone (Anne-Elise Minetti) lässt Ödipus (Roman Kurtz) nicht im Stich.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Regisseur Patrick Schimanski setzt bei seiner Version der Dramen aus der Feder des großen griechischen Dichters Sophokles in erster Linie auf die Kraft der Sprache und scheitert damit weitgehend. Denn durch den Fokus auf das gesprochene Wort entwickelt das Gießener Doppeldrama eine lähmende Statik. Es ist einfach nichts los auf der Bühne, und das wird sehr schnell langweilig.

Damit ist die Grundidee von Schimanskis Werk angesprochen, das die deutschen Übersetzungen der Stücke von Walter Jens und Friedrich Hölderlin zu einer Handlung vereint. Der Regisseur rückt den Text in den Mittelpunkt und gleitet damit formal von einer Theateraufführung ab in einen Rezitationsabend, denn der ganzen Geschichte fehlt es sehr maßgeblich an Bewegung. Pointiert gesagt: Alles steht, spricht, deklamiert, monologisiert und wirkliche Aktion geht dabei nur von der rotierenden Drehbühne aus. Dieser gesprochene Stillstand lähmt schnell, gerade weil die Textpassagen der einzelnen Figuren bisweilen ziemlich lang und nicht immer klar artikuliert werden. Es senkt sich eine bleierne Schwere über die Bühne, deren Gestalt den Abend nicht rausreißt.

Gewagter Effekt: Scheinwerfer blenden Publikum

Denn Colin Walker hat bloß ein paar große Metallrahmen geschaffen, die mit viel gutem Willen als Abstraktionen antiker Monumentalbauten durchgehen. Richtig fies ist dieser Effekt: Kaum hat sich der Vorhang gehoben, da fällt der Blick auf eine Wand voller Scheinwerfer, und es lässt sich frühzeitig erahnen, was dann auch kommt: Vermutlich um die Zuschauer die ödipale Blendung spüren zu lassen, kriegen die im Verlauf des Abends einmal die volle Packung – mit dem Ergebnis, dass der ganze Saal eine gefühlte Minute lang unter sich blickt.

Ganz dicke Fragezeichen werfen die Kostüme von Angelika Lenz auf: Die Chorführer in Plateaustiefeln, Antigone in einer Pyjamahose, Kreon in Cowboystiefeln. Rein visuell ist diese Inszenierung alles andere als ein Kick. Was ja nicht schlimm wäre, wäre da nicht diese rezitatorische Bewegungslosigkeit, die das Ganze wirklich anstrengend macht, gerade angesichts kapitaler drei Theaterstunden.

Die ziehen sich doch sehr, auch weil es zwischen den Schauspielern kaum authentische Interaktion gibt. Empathisches Einfinden in die eigene Rolle oder die des Gegenüber? Nö. Man hat wirklich den Eindruck, bei einem reinen Rezitationsabend zu sein, ohne auch nur den Hauch von Temperament. Kurz – eine gescheiterte Inszenierung.

  • Weitere Aufführungen sind am 2., 15. und 28. Oktober, 26. November, 11. Dezember, 12. Januar 2017 und 12. Februar 2017 um jeweils 19.30 Uhr im Großen Haus. Weitere Informationen im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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