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Erstmals siegt eine Frau

Marburger Science Slam Erstmals siegt eine Frau

Nicht der witzigste, sondern der spannendste Vortrag machte diesmal das Rennen beim Science Slam. Mit Dr. Helga Hofmann-Sieber stand erstmals eine Frau auf dem Siegertreppchen.

Marburg. „Können Scheren im Kampf gegen HIV helfen?“, hieß der von den 200 Zuschauern im einmal mehr ausverkauften Theater Am Schwanhof bejubelte Vortrag von Dr. Helga Hofmann-Sieber. Eigentlich seien ja Kondome der beste Schutz gegen HIV-Infektionen, und von diesen sollte man Scheren tunlichst fernhalten, unterstrich die am Heinrich-Pette-Institut in Hamburg forschende Biologin.

In ihrer Präsentation ging es um wesentlich kleinere „Schneidegeräte“, Scheren im übertragenen Sinne, die entwickelt wurden, um den Bauplan des HI-Virus aus infizierten Zellen auszuschneiden. Das von ihr giftgrün und stachelig dargestellte Virus dockt an eine Zelle an und fügt seinen Bauplan der Erbinformation hinzu. Irgendwann kann es dann dazu kommen, dass die Zelle oder deren Nachkommen neue Viren produzieren, die weitere Zellen infizieren. Normalerweise erkennt das menschliche Immunsystem Viren und bekämpft sie. Doch HIV sei der „Legastheniker unter den Viren“, mache unglaublich viele Fehler beim Schreiben des Bauplans, so dass die Nachkommen vom Immunsystem nicht wiedererkannt würden.

Bisher gab es keine Möglichkeit, den Bauplan von HIV wieder aus Zellen zu entfernen und die Infektion damit sozusagen rückgängig zu machen. In dem Forschungsprojekt, an dem Hofmann-Sieber mitarbeitet, wurde man bei der Suche nach einer kleinen „Schere“ für den Virus-Bauplan bei Bakteriophagen fündig, also bei Viren, die Bakterien befallen. Bis zur Anwendung beim Menschen sei es aber noch ein weiter Weg.

Hochkomplizierte Vorgänge aus aktueller Forschung verständlich und unterhaltsam vermittelt, dazu noch die Hoffnung auf eine eventuelle Beseitigung dieser Krankheit in absehbarer Zeit, das überzeugte die sechsköpfige Publikumsjury. Viermal die Höchstwertung zehn, insgesamt 58 Punkte, das bedeutete den Sieg beim 8. Marburger Science Slam.

Vize-Intendantin Dr. Christine Tretow, die wieder wesentlich zum Unterhaltungswert der Veranstaltung beitrug, freute sich darüber ganz besonders.

Platz zwei belegte der Rechtssoziologe Dr. Kai Kühne aus Düsseldorf. In seinem witzigen, mit Comiczeichnungen hinterlegten Vortrag über „Politische Arbeitsrechtsprechung“ beleuchtete er, ob Faktoren wie soziale Herkunft des Richters oder das Parteibuch des jeweiligen Justizministers zu tendenziösen Entscheidungen führen. „Mit zunehmendem Alter nimmt der Rechtsdrall zu“, lautete eines seiner Ergebnisse.

Die beiden Marburger Medizinstudenten, die beim vorigen Science Slam debütiert hatten, traten mit neuen Vorträgen abermals an. Johannes Hinrich von Borstel ist bei seinen Forschungen auf ein Allheilmittel aus der Natur gestoßen: Sex. Alexander Falb musste sich mit seiner Offenbarung von „Jesus Christus als praktischer und rehabilitativer Mediziner“ diesmal mit Platz fünf begnügen. Platz vier belegte Kommunikationswissenschaftler Tim Gailus.

Auf eigenen Wunsch außer Konkurrenz bestritt Lufthansa-Pilot Uwe Lambach seinen ersten Science Slam. Als Mitglied der „Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus“, deren „Präsidente“ der Marburger im Vorjahr war, beleuchtete die Entwicklung der Raumfahrt in Entenhausen.

Der nächste „Marburger Science Slam“ findet am 8. November statt. Anmeldungen von Kandidaten nimmt Dr. Christine Tretow entgegen. Infos und Kontakt: Telefon 06421. 99 02 33, E-Mail c.tretow@theater-marburg.de

von Manfred Schubert

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