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Erschütterndes Pamphlet

Neu im KIno: Kreuzweg Erschütterndes Pamphlet

Welche schrecklichen Folgen ein Leben im Bannstrahl fanatischen Glaubens haben kann, zeigt „Kreuzweg“ von Regisseur Dietrich Brüggemann auf so drastische wie einfühlsame Weise.

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Die Schauspieler Lea van Acken als Maria und Florian Stetter als Pater Weber Foto: Dietrich Brüggemann

Quelle: Dietrich Brüggemann

Marburg. Der deutsche Spielfilm „Kreuzweg“ zeigt dies anhand einer Familie, die überstreng nach den Regeln einer katholischen Priesterbruderschaft lebt. Diese Bruderschaft lehnt alles Moderne ab. Die Gläubigen der Gemeinschaft meinen, nur so die Tradition des Glaubens rein bewahren und fortführen zu können.

Die Strenge ihres Lebens kann die 14-jährige Maria (Lea van Acken) nicht aushalten. Als sie etwa daran denkt, in einem Gospelchor zu singen, wird sie von ihrer fanatisch gläubigen Mutter hart gerügt. Die leise Andeutung, einen Mitschüler anziehend zu finden, bringt ihr gar den Vorwurf ein, den Glauben und damit Jesus zu verraten. Durch diese und andere düstere Erfahrungen fühlt sich das pubertierende Mädchen derart schuldig, dass sie nur einen Weg der Buße sieht: Sie will sich Gott aufopfern. Die Folgen sind schockierend.

Jedes der 14 Kapitel hat einen Titel, der an die Passionsgeschichte, an die Stationen des Leidensweges, von Jesus Christus erinnert und besteht aus einer einzigen Einstellung. Es gibt, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keine Kamerabewegung und keinen Schnitt. Die bis zu 15 Minuten langen Episoden laufen wie Akte in einer Theateraufführung ab. Diese formale Strenge mag manche Zuchauer zunächst irritieren. Doch je weiter die grausame Geschichte voranschreitet, umso mehr zwingt genau diese Strenge das Publikum mitten in das Geschehen hinein.

Die Auszeichnung des Films mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch der Geschwister Anna (32) und Dietrich Brüggemann (38) bei der diesjährigen Berlinale fand von der internationalen Kritik einhellige Zustimmung. Auch Lea van Acken überzeugte, zeigt die während der Dreharbeiten 14-jährige Filmdebütantin doch eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit.

Der Film verzichtet auf jeglichen Kommentar der Ereignisse und ist durchweg auf die Selbstaufgabe Marias konzentriert. Genau diese Beschränkung gibt dem Drama Größe, weitet den Blick über die Erzählung hinaus und lässt „Kreuzweg“ zur Anklage von Fanatismus jeder Art werden. Religiosität und Glauben an sich werden nicht denunziert. Kritisiert wird allein ein übersteigerter, lebensfremder und menschenfeindlicher dogmatischer Glaube.

Der Film läuft im Capitol.

von Peter Claus

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