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Erinnerungen eines Kneipenkönigs

OP-Buchtipp: Bruce Springsteen: „Born to Run“ Erinnerungen eines Kneipenkönigs

Erstaunlich offen erzählt Bruce Springsteen in 
seiner Autobiografie 
 nicht nur von den schönen Seiten seines Lebens als Rockstar. Auch Anekdoten aus seiner Zeit als „King der Bar-Bands“ gibt der „Boss“ zum Besten.

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Zweisprachig, farbenfroh und abenteuerlustig

In „Born to Run“ erzählt der sonst privat introvertierte „Boss“ Bruce Springsteen sein Leben.

Quelle: Heyne Verlag

Auf den ersten Blick könnte der Mann auf dem Buchdeckel Bob Dylan sein. Mit wilden Locken und Lederjacke, gegen ein Auto lehnend, sieht der junge 
Bruce Springsteen im Titelbild seiner Autobiografie „Born to Run“ dem Literaturnobelpreisträger verblüffend ähnlich.

Ganz im Gegensatz allerdings zur Verschlossenheit Dylans, den er „Vater meines Landes“ nennt, öffnet sich Springsteen in dem Buch und gibt sein Innenleben preis. Der privat sonst introvertierte 67-jährige Rockstar erzählt nicht nur Anekdoten aus mehr als 50 Jahren auf den Bühnen der Welt, sondern auch etwa von der psychischen Krankheit seines Vaters und seinen eigenen Depressionen.

Mit viel Witz und in einer 
 alliterationsreichen Sprache beschreibt der „Boss“ seine Jugend im Haus neben einer katholischen Kirche in der Kleinstadt Freehold im US-Bundesstadt New Jersey, einem „toten Scheißhaufen von einer Stadt“. Wir erfahren, wie er noch vor der Volljährigkeit mit seiner Band The Castiles zum „King der Bar-Bands“ wird, obwohl er bis zum Alter von 22 Jahren keinen Tropfen anrührt – dann 
allerdings gleich Tequila.

Ein Grund für die Enthaltsamkeit ist der Suff seines Vaters, der die Familie mit Wutanfällen terrorisiert. Psychische Krankheit kommt in der irischstämmigen, väterlichen Seite der Familie vor, erzählt Springsteen. Bei seinem Vater wird spät im Leben paranoide Schizophrenie festgestellt. Er selbst lässt sich therapieren und nimmt „seit zwölf bis fünfzehn Jahren“ Antidepressiva.

Springsteen erzählt mit erstaunlicher Empathie von seinem Vater, der bei Ford am Fließband und später als Busfahrer arbeitet. Dass sein Vater ihn schlecht behandelt, erklärt sich Springsteen auch damit, dass er seinen Sohn als Konkurrenten um die Liebe der Mutter sieht. „Die Menschen, deren Liebe wir begehrt haben, aber nicht empfangen konnten, ahmen wir nach“, erklärt der „Boss“. „Insofern bin ich, der in seinem ganzen Leben zusammengenommen keine Woche körperlich gearbeitet hat (hoch lebe der Rock ’n’ Roll!), quasi in die Kleidung meines Vaters, eines Fabrikarbeiters, geschlüpft und zur Arbeit gegangen.“

Beim Schreiben ebenso verausgabt wie beim Singen

Passend zum Arbeiter-Image nennt sich die Truppe, die sich – als Vorgängerin der legendären E Street Band – Ende der 1960er Jahre um Springsteen formiert, Steel Mill (Stahlwerk). Sie wird einmal während eines Auftritts aus einer Kneipe geschmissen, weil sie die Übertragung der ersten Mondlandung stört, wie zu lesen ist.

Mit Steel Mill verlässt der junge „Boss“ erstmals New Jersey und tritt in Kalifornien auf. „Wir hatten Jersey, über das unzählige Witzbolde mit miesen Pointen herzogen, für einen kurzen Augenblick auf der Rock ’n’ Roll-Landkarte verewigt“, schreibt Springsteen über die triumphale Rückkehr mit einer positiven Zeitungskritik im Gepäck. Heute ist er längst so etwas wie der Schutzheilige des Außenseiter-Bundesstaats New Jersey, den viele als bloßen, von Proleten bewohnten Stadtrand von New York wahrnehmen.

Das Buch trägt denselben  Titel wie Springsteens wohl bekanntestes Lied. Dort geht es, wie in so vielen seiner Songs, um den Wunsch, abzuhauen. In Wirklichkeit zieht es den alternden Rockstar aber nach Hause. Nachdem er einige Jahre in Kalifornien verbracht hat, kehrt er nach New Jersey zurück und kauft ein Grundstück nahe dem „toten Scheißhaufen“ Freehold. Springsteens Konzerte sind für seine unheimliche Energie auf der Bühne bekannt – und dafür, dass sie schon mal vier Stunden dauern können.

Auch bei seiner Autobiografie hat er sich ordentlich verausgabt. Sieben Jahre lang hat er daran geschrieben, und sie ist umfangreich geworden – die deutsche Version mit rund 670 Seiten sogar etwa 150 Seiten länger als das Original. Der „Boss“ wird dafür wohl nicht wie sein „Landesvater“ Dylan den Literaturnobelpreis bekommen, er hat aber ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben.

  • Bruce Springsteen: „Born to Run. Die Auto­biografie“, Heyne Verlag, 672 Seiten, 27,99 Euro.

von Nick Kaiser

 
 
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