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Episoden aus einer Welt im Aufbruch

„Hotel zur langen Dämmerung“ Episoden aus einer Welt im Aufbruch

Das „Hotel zur langen Dämmerung“ ist das 15. Stück, das der Wittelsberger Willi Schmidt auf die Bühne bringt. Immer wieder beschäftigt er sich mit lokaler Geschichte. Diesmal sind es die 80er Jahre „auf dem Dorf“.

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Jung und verliebt: Jochen (Carsten Eidam) und Lara (Jemina Coletta) träumen von einer besseren Welt.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Die Besetzungsliste lang, die Szenenbilder knapp und reduziert. Die Erzählerstimme aus dem Hintergrund (Willi Schmidt) klärt darüber auf, wo wir uns befinden. In einem hessischen Dorf in den 80er Jahren. Doch vereinnahmt die Uraufführung von Willi Schmidts neuem Stück am Samstag auf der Waggonhallen-Bühne nicht nur mit Nostalgie und emotionaler Rückblende.

Musikalisch verdichten Sängerin Anita Naumann und Pianist Gangolf Seitz schon zu Beginn die Zeitreise professionell zu einer nachhallenden Impression. Auch während der Szene-Pausen begleiten die Zuschauer bekannte Songs aus der Zeit.

Eine Zeit des Aufbruchs

Willi Schmidt erzählt Willi Schmidt. Eine Clique auf dem Land. Im Ebsdorfer Grund freilich, da, wo er aufgewachsen ist. Doch Klischees möchte das Stück keineswegs bedienen. Schnödes Nostalgie-Hopping muss man von Willi Schmidt auch keinesfalls erwarten. Man glaubt ihn zu entdecken in Jochen (Carsten Eidam), dem Protagonisten seines Stückes.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs zwischen Neuer Deutscher Welle und Rubik’s Zauberwürfel, zwischen Lou Reed und Konstantin Wecker, in die der Zuschauer blickt. „Persönliches in dieser Ich-Form zu erzählen und zu ergänzen, scheint mir ein probates Stilmittel für die Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklung“, sagt Schmidt im Anschluss während der Premierenfeier.

„Schließlich verwebe ich ganz viel erlebte Geschichte in diesen erzählten und gespielten Episoden. Es mündet auch nicht ganz zufällig das Ende des Stücks in das nunmehr zwanzigfach sich jährende Bestehen der Waggonhalle“, so Schmidt weiter, der selber Gründungsmitglied war.

Jugend und frühes Erwachsensein in der dörflichen Umgebung. Draußen die große Politik, die in Frage gestellt wird. Lotte, Lara, Judith, Wolle, Gründgens – sie alle diskutieren alternative Modelle, wollen eine bessere Welt schaffen, wollen Veränderung aktiv möglich machen in einer Umgebung, die den Nazi-Ungeist noch nicht in Gänze hinter sich gelassen hat.Schmidt zeigt Dorfwirklichkeiten zwischen Behütetsein und Ausgrenzung.

Autor Schmidt erzählt 
von Krise und Hoffnungen

Es ist die Zeit, in der Boris Becker und Ivan Lendl ums Tenniszepter stritten und Pink Floyds „Another Brick In The Wall“ omnipräsent aus den Lautsprechern waberte. Alles war bedeutungsschwer. Seinen Platz zu finden, seine Identität im Spannungsbogen zwischen Protest und dazu gehören wollen.

Schmidt zeigt Figuren, die sich einmal scheinbar unauflöslich im Widerspruchsknäuel der eigenen Ideale verstricken, um dann doch auch wieder zu handeln. Der Zuschauer folgt jungen Menschen, die sich weiterentwickeln und die ihre (Aus-)Wege suchen. Aber auch Fragen offenlassen. Fragen von Heranwachsenden, die ihr Potenzial nicht recht sehen, sondern lediglich die Begrenzung.

Es ist ­eine Spurensuche an der Schwelle zur Verantwortung und vor allem auf der Suche nach Möglichkeiten. Alles muss erst mal diskutiert werden. Auf Parties, den Treffen in der „Teestube“ – einem frühen Jugendclub – oder später privat in jenem Hotel zur langen Dämmerung, dem Haus einer Protagonistin, deren Eltern verreist sind. Erst mal ein Bier, gemeinsame Joints, zaghafte Liebesgeschichten – all das bildet der Autor und Regisseur ab.

Oktober 1980 auf der Bühne: Weiterbau der Startbahn West und eine Jugend in ihrer dörflichen Nische. Zwischen marktverherrlichendem Kapitalismus und Pseudosozialismus Ost zeichnet das Stück Krise und auch Hoffnung einer Jugend.

Der provinzielle Charme der Lösungsversuche

Die einzelnen Episoden, die Schmidt erzählend verknüpft, verdeutlichen übergroß, wie die Aufgabe, eine ideelle Neugestaltung der Gesellschaft zu schaffen, durchaus an Überforderung stoßen kann. Die Ideale sind der womöglich „erdrückend große Brocken“ auf der kollektiven Psyche der Gruppe, die Willi Schmidt ruhig, akribisch und konsequent mikro-geschichtlich darstellt.

Prägten auch Mittelstreckenraketen, Waldsterben, AKWs und Startbahn die 80er – der individuelle und provinzielle Charme der Lösungsversuche steht hier im Mittelpunkt und wird wieder lebendig in dieser originellen Inszenierung.

  • Weitere Aufführungen sind am 26., 28. und 31. März sowie am 1., 2., 3., 7. und 8. April jeweils um 20 Uhr in der Waggonhalle.

von Wolfgang Dietz

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