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Emotion statt Provokation

"Frühlings Erwachen" Emotion statt Provokation

Wie ein vielköpfiger, vielarmiger Fötus bewegt sich das Ensemble der aktuellen Marburger Inszenierung von „Frühlings Erwachen” - explizit „nach” Frank Wedekind - im Inneren eines Bettlakens.

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Johannes Eimermacher (von links), Roman Pertl, Victoria Schmidt und Alexander Peiler machen mit einer atemlosen Choreographie die Strapazen eines auf Leistung fixierten und keine Freiräume lassenden Schultags erlebbar.

Quelle: Arne Landwehr

Marburg. Dieses unheimliche Bühnengeschehen empfängt die Zuschauer in der „Blackbox“ des Hessischen Landestheaters. Sobald das Stück beginnt, verlassen einige der Darsteller ihren Kokon. So tableauhaft bleibt der Abend freilich nicht: Actionreich und mitreißend wird die stark gekürzte Handlung präsentiert, die Spielweise changiert zwischen Realismus und Künstlichkeit.

Die Schauspieler haben dabei ein Instrument zur Verfügung, mit dem sie den Fokus gezielt auf das einzelne Individuum richten, es ganz nah in den Blick nehmen können: eine Videokamera. Das Bild, das sie aufzeichnet, wird direkt auf eine Leinwand im Bühnenhintergrund projiziert, manchmal verfremdet und vervielfacht.

Doch auch ohne dieses Hilfsmittel funktioniert das sehr körperbetonte Spiel des fünfköpfigen Ensembles hervorragend. Etwa wenn Wendla (Ayana Goldstein), nachdem sie mit Melchior (Alexander Peiler) geschlafen hat, sich ihm buchstäblich an den Hals wirft, sich um ihn windet, an ihm hochklettert - und dieser mit einem emotionslosen „Was soll das? Ich bin nicht in dich verliebt” reagiert. Regisseurin Annette Müller nutzt Wedekinds Vorlage als Baukasten, dem sie Handlungselemente und Textpassagen entnimmt, diese jedoch mit Improvisationen und Gesangseinlagen verwebt.

Die Sprache einer vergangenen Epoche mit heutigem Jugendidiom zu mischen, ist ein reizvolles und daher gern unternommenes, aber auch heikles Unterfangen; wirkt dieser Kunstgriff im Ergebnis doch oft nur peinlich. Hier gelingt das Experiment, sicher auch deshalb, weil Wedekind sein 1891 erschienenes Stück bereits als fragmentarische Collage mit grotesken, realistischen und satirischen Elementen angelegt hat, deren provokante Wirkung im spießigen wilhelminischen Deutschland durchaus kalkuliert war.

In Zeiten von Youporn und „Fifty Shades of Grey” vermag eine Sexszene oder ein männliches Geschlechtsteil auf einer Theaterbühne freilich nicht mehr zu schockieren. Das ist aber auch gar nicht das Ziel Müllers. Das Faszinierende an ihrer Inszenierung sind die Tempo- und Stimmungswechsel.

Wie ein Teenager auf der Gefühlsachterbahn erlebt das Publikum Ausgelassenheit, Schüchternheit, Verliebtsein, Begehren, Wut, Trauer, Angst und Freude in rasanter Abfolge. Mit dem Hinweis „Junges Theater” und der Altersangabe 13+ bewirbt das Theater Marburg seine Inszenierung. Wer noch weiß, wie es sich anfühlt mit 13, 14, 15, wird sich hier wiederfinden. Und wer es vergessen hat - der sollte sich erinnern lassen!

Weitere Aufführungen sind am 19. Februar um 9 und 11.30 Uhr, am 20. Februar um 9 und 11.30 Uhr sowie am 22. Februar um 19.30 Uhr.

von Vera Zimmermann

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