Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Einsamkeit, Verrat und die Liebe

OP-Buchtipp: Amos Oz: „Judas“ Einsamkeit, Verrat und die Liebe

Erneut widmet sich Amos Oz in seinem jüngsten Roman „Judas“ der jüdischen Geistes- und Kulturgeschichte.

Voriger Artikel
Spione, Schatzsucher und Schüler
Nächster Artikel
Hochwürden sitzt in Barcelona fest

Der israelische Schriftsteller Amos Oz hat einen neuen Roman veröffentlicht: „Judas“ ist gespickt mit literarischen, historischen und politischen Verweisen.

Quelle: Marc Tirl, Suhrkamp-Verlag

Amos Oz macht es seinen Lesern nicht leicht, er nimmt sich Zeit. Zeit, um die Distanz zu seinen merkwürdigen, schwer greifbaren, nie ganz durchschaubaren Charakteren zu verkleinern, Zeit, diese Figuren durch das scheinbar immer dunkle, regnerische Jerusalem wandeln zu lassen, und Zeit, um sich in endlosen Dialogen seiner Figuren mit der Geschichte der Juden, Israels und des ewigen Nahost-Konflikts auseinanderzusetzen.

Erneut hat Israels berühmtester Autor mit „Judas“ einen Roman über sein Land geschrieben, aber auch über Einsamkeit, Verrat, Liebe und was die ungewöhnliche Geschichte Israels und der Juden aus den Menschen machen kann.

Der 25-jährige Schmuel Asch ist „empfindsam, ein Sozialist und Asthmatiker, schnell zu begeistern und leicht zu enttäuschen“, der Hals ebenso zu kurz wie die Finger, mit einem seltsamen Gang, krausen Haaren und einem Neandertaler-Bart – nicht gerade ein Sympathieträger.

Schmuels Leben ändert sich radikal

Die Freundin heiratet einen anderen, die Eltern melden Konkurs an, die finanzielle Unterstützung bleibt aus. Schmuel schmeißt kurzerhand sein Studium und nimmt einen seltsamen Job an:  Für Kost, Logis, ein kleines Taschengeld und unter absoluter Geheimhaltung soll er dem alten Gerschom Wald täglich sechs Stunden Gesellschaft leisten, ihm zuhören, den abendlichen Brei, Tee und seine Medikamente bringen. Ein idealer Job, um vor dem Leben davonzulaufen.

In dem dunklen, baufälligen Haus am Ende einer kleinen Gasse wohnt außerdem Atalja Abrabanel, eine 45 Jahre alte, geheimnisvolle Frau, nach Shampoo und Veilchen-Parfüm duftend, die – wie Schmuel später erfahren wird – die Frau von Walds Sohn war. Der war im ersten Jahr ihrer Ehe und am zweiten Tag des arabisch-israelischen Unabhängigkeitskrieges gefallen. Seitdem lebt sie mit ihrem körperlich behinderten Schwiegervater in dem dunklen Haus.

Atalja, die von sich selbst sagt, dass sie niemanden braucht und sich selbst genug ist, ist auch die Tochter von Schealtiel Abrabanel, der – als Gegner der israelischen Staatsgründer und damit als Widersacher Ben Gurions und Freund der Araber – als Verräter der Zionisten geächtet wurde. Und so hängt auch in „Judas“ wie immer bei Oz (75) alles irgendwie zusammen. Er schafft Bezüge aus der Vergangenheit zur Gegenwart. Mal ist die Vergangenheit die Entstehung des Christentums, mal die Gründung Israels. In „Judas“ ist der Winter 1959/60 die Gegenwart, sie könnte es aber auch heute sein.

Es geht auch um Judas Ischariot, jenen Jünger, der im christlichen Weltbild als Verräter von Jesus gilt. „Jesus in der Perspektive der Juden“ lautet denn auch das Thema von Schmuels „im Stich gelassener“ Magisterarbeit, das ihn in seinem Mansardenzimmer ebenso wie in den nächtlichen Gesprächen mit Wald umtreibt.

Wiederholt detailverliebt

War Judas tatsächlich ein Verräter oder glaubte er schlicht an Jesus als Prophet? Ist Jesus nicht als Jude geboren und als Jude gestorben und die Menschen haben aus ihm einen Erlöser und Initiator des Christentums gemacht? Fragen, die schon Oz‘ Onkel Joseph Klausner, seinerzeit ein bekannter Religionswissenschaftler, aufwarf. Für Oz kann ein Verräter auch einfach nur einer sein, der den Mut hat, sich zu verändern, andere Ideen zulässt.

Oz liefert Stoff für gleich mehrere Romane, beschreibt detailverliebt und scheut sich auch nicht davor, nahezu wortgleiche Formulierungen zu wiederholen. Da geht es um das Gulasch, das Schmuel jeden Mittag mit einigen Scheiben Weißbrot isst, dem Veilchenduft Ataljas, den Brei, den die Nachbarin täglich für den alten Mann kocht. Doch genau diese Wiederholungen geben den Gestalten Halt, dem Leben einen Rahmen.

Fast nebensächlich wirkt bei all der Politik, Religions- und Kulturgeschichte und der Frage nach Verrätertum die unmögliche Liaison zwischen dem 25-jährigen Studenten und der stets spöttischen, vom Leben und den Männern ernüchterte Atalja. Fast schmerzlich ist ihre teils herablassende, arrogante und dabei doch so reizvolle Art dem unbeholfenen Schmuel gegenüber.

Oz mutet seinen Lesern in seinem mehr als 300 Seiten starken Roman einiges zu: Er kommt mitunter einer wissenschaftlichen Arbeit gleich, die gespickt ist mit literarischen, historischen und politischen Verweisen. Wer sich darauf einlässt, wird von der beklemmenden Geschichte und der Erzählkunst Oz‘ in Bann gezogen werden.

  • Amos Oz: „Judas“, Suhrkamp-Verlag, 335 Seiten, 22,99 Euro.

von Britta Schmeis

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr