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Eine ungewöhnliche Annäherung

Premiere "Frankenstein" Eine ungewöhnliche Annäherung

Es ist einer der großen Klassiker der Schauerliteratur: Mary Shelleys „Frankenstein“. Regisseur Max Merker erzählt am Hessischen Landestheater Marburg seine ganz ­eigene Version der Geschichte von Wissen­schaftler und Monster.

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Alle Darsteller schlüpfen in mehrere Rollen – hier geben sie eine seltsame Abendgesellschaft: Michael Köckritz (von links), Stefan A. Piskorz, Lina Hoppe, Viktoria Schmidt und Daniel Sempf.

Quelle: Hessisches Landestheater

Marburg. Den Namen „Frankenstein“ kennt jeder, er ist ein Stereotyp des Grauens. Dabei steht er inzwischen landläufig gar nicht mehr für Viktor Frankenstein, den besessenen Wissenschaftler und Erschaffer einer aller Natur entgegenstehenden Kreatur, sondern für das Monster selbst, das eigentlich keinen Namen hat.

Diese Nähe zwischen Schöpfer und Geschöpf gemahnt an das klassische romantische Doppelgänger-Motiv, und eben das arbeitet Merker in seiner Inszenierung heraus, die am Samstag Premiere feierte.

Wer die vielen „Frankenstein“-Verfilmungen im Kopf hat, wird enttäuscht sein, denn der stets mit viel Brimborium dargestellte Schaffensakt fehlt im Stück. Wie und warum Frankenstein die Kreatur erschaffen hat, wird nur angedeutet. Von der ersten Szene an ist das Monster losgelassen, um seinen Schöpfer zu verfolgen und alle zu töten, die er liebt.

„Ich bin das Monster“, erkennt Frankenstein rasch, und am Ende stimmt das auch. Großen Raum gibt Merker dabei der Figur Elisabeth (Victoria Schmidt), der Geliebten Frankensteins. Ihre Stärke und Gefühlsintensität scheint den schwachen und wenig entschlussfreudigen Frankenstein (Daniel Sempf) zu ängstigen.

Merker hat die Geschichte als eine Collage mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln erzählt, überdreht, mit Musiknummern und komischen Einlagen. Zwischendurch entstehen aber auch Momente der Düsternis, in denen der Schauder, den das Buch dem Leser über den Rücken jagt, erahnt werden kann. Das Monster selbst bekommt der Zuschauer nicht zu sehen, es ist nur eine Stimme aus dem Off, das von den Qualen der durch seine Hässlichkeit erzwungenen Einsamkeit berichtet und von seinem Schöpfer eine Gefährtin fordert.

Den Schöpfungsprozess von Frankensteins Braut bekommt das Publikum im Fürstensaal des Landgrafenschlosses dann doch zu sehen, und das ist wohl der am ehesten an das Horrorgenre erinnernde Moment, wenn die Kreatur sich an ihren entsetzten Erschaffer klammert. Sonst ist es nicht der Grusel, der Merker interessiert. Für ihn steht das Motiv des Traums im Vordergrund, das alle Geschehnisse vieldeutig und unklar erscheinen lässt. Die Vieldeutigkeit gerät ihm allerdings auch zur Beliebigkeit, das Stück zur Nummernrevue, die den roten Faden vermissen lässt.

Mal wird an die Entstehungszeit des Romans erinnert, dann wieder verorten WLAN und Solaranlage die Geschichte in der Gegenwart. Mal wird gealbert, dann wieder wird es dramatisch.

Dabei gibt es eine Reihe schöner Regieeinfälle und eine gelungene, perfekt dem Fürstensaal angepasst Ausstattung - auch wenn das Bespielen der ganzen Breite des Saals streckenweise dafür sorgte, dass die sehr engagiert agierenden Darsteller nicht zu verstehen waren.

Eine ungewöhnliche Annäherung an die berühmte Geschichte, die den, der das Buch nicht kennt, mitunter ratlos zurücklässt, und bei der weniger sicher mehr gewesen wäre - der sanfte Grusel und die Konzentration auf das Doppelgängermotiv hätten gereicht.

von Heike Döhn

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