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Eine ganz besondere Jonglage

Konzert in der Pfarrkirche Eine ganz besondere Jonglage

700 Jahre Jüdische ­Gemeinde in Marburg, 500 Jahre Martin Luther, 25 Jahre Kurhessische Kantorei und dann noch das 48. Internationale Heinrich-Schütz-Fest - viele Gründe für ein ganz besonderes Konzert.

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Martin Mall jonglierte passend zur Musik (links). Amnon Orbach (rechts), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, rezitierte den Psalm 23. Am Programm beteiligten sich das Marburger Oktett und natürlich die Kurhessische Kantorei.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Wir jonglieren mit Psalmen“. Das hatte sich die Kurhessische Kantorei für ihr Konzert unter dem Titel „In alle Welt“ vorgenommen. Mit Psalmen jonglieren? Wie das aussehen beziehungsweise sich anhören könnte, verriet bereits das Programm, zumindest im Ansatz. Da finden sich zum Beispiel das Marburger Oktett, Solisten für Harfe, Schlagzeug und Orgel ebenso wie das „Woodvalley Movement“ aus dem Waldtal und ein Poetry-Slammer. Ungewöhnlich also, so viel war zu erwarten.

Musik, Texte, Gesang, Rezitation - das alles sollte in der Lutherischen Pfarrkirche „in die Luft dieses Raumes geworfen“ werden, wie Uwe Maibaum, Leiter der Kurhessischen Kantorei, zu Beginn des Abends erklärte. „Singet dem Herrn ein neues Lied“ war dabei eine Aufforderung, die man wörtlich nahm. Nicht nur alte und altbekannt vertonte Psalmen erklangen, sondern auch neu geschriebene und interpretierte. Den Auftakt machte die Kantorei mit dem Psalm 150 für Chor und Orgel von César Franck von der Empore herab.

Amnon Orbach, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, rezitierte den Psalm 23 auf Hebräisch, Monika Bunk las ihn noch einmal gemeinsam mit Lutz Käsemann als Gebärdendolmetscher. Das Konzert war „in tiefer Verbundenheit“ der Jüdischen Gemeinde gewidmet und Propst Helmut Wöllenstein wies in seinem Grußwort zum Programm darauf hin, dass alle Psalmen aus der jüdischen Bibel stammen. „Mit großer Dankbarkeit, mit Respekt sowie in dem Bewusstsein, dass dies keineswegs selbstverständlich ist und sich niemals auf ein Eigentum sondern auf eine Leihgabe bezieht, erlauben wir uns, Psalmen zu singen“, so Wöllenstein.

Von der Herrlichkeit Gottes bis hinab in die Tiefen, aus denen die Menschen ihn anrufen reichen die Psalmtexte und ebenso vielfältig wurden die Interpretationen in der Pfarrkirche auch dargeboten. Einige der musizierten Werke entstammen der reformatorischen Tradition der Evangelischen Kirche von Kurhessen Waldeck. Johann Heugel, Kapellmeister am Hofe von Philipp dem Großmütigen, war als Komponist im Programm ebenso vertreten wie natürlich auch Heinrich Schütz, den Landgraf Moritz von Hessen-Kassel als Musiker entdeckt hatte.

Modernere Vertonungen stammen zum Beispiel von Arvo Pärt aus Estland oder dem amerikanischen Komponisten Leonard Bernstein. Als Solisten waren Mónica Rincón an der Harfe, Olaf Pyras am Schlagzeug und Ka Young Lee an der Orgel im Einsatz. Die Kurhessische Kantorei hatte sich für die Dauer des Konzerts auf der Empore postiert, das Marburger Oktett sang sowohl von dort wie auch vom Altarraum aus. Bewegende Worte und dazu passend ein buchstäblich bewegtes Konzept.

Spontanen Applaus mitten im Programm gab es für Poetry- und Predigt-Slammer Bo Wimmer. Der packte Borussia Dortmund, die AfD und das Brett vor dem eigenen Kopf in einen Text zur Frage, „wo bleibt er denn?“, der Gott. „Den Sohn zu geben hat noch nicht gereicht - aber vielleicht, vielleicht haste ja noch ‘ne Tochter?“ Zwei Besucher verließen das Konzert danach, offensichtlich empört, der Rest des Publikums klatschte begeistert.

Aljoscha Tischkau und Shalau Baban vom „Woodvalley Movement“ brachten dann Rap in die Lutherische Pfarrkiche. Ein ganz frischer Wind quer durch den Mittelgang.

Und wortwörtlich nahm die Psalm-Jonglage dann Martin Mall, der zur Musik choreographiert mit Bällen jonglierte. Am Ende gab es nicht nur Riesenapplaus, sondern stehende Ovationen des gesamten Publikums. Ein großer Wurf in Sachen Experimentierfreude also, den die Veranstalter da „In alle Welt“ geschickt haben.

von Nadja Schwarzwäller

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