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Eine Woche voll gelungener Momente

German Stage Service: „Genau so muss es sein“ Eine Woche voll gelungener Momente

Genau so musste es sein: Den Bühnenraum selbst gezimmert, ein 26-Stunden-am-Stück-Stück hingelegt, den ersten Kuss von Frischvermählten miterlebt und ein WG-Frühstück beherbergt. Bilanz einer ungewöhnlichen Idee.

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26 Stunden dauerte die Performance von Rolf Michenfelder und Matti Fischer in der eigens erbauten Holzhütte (großes Bild). Dabei konnte das Publikum auch Wünsche äußern (oben). Eine WG gestaltete sich in der Hütte das perfekte Frühstück (Mitte), ganz nach dem Motto „Genau so muss es sein“ (unten).

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. „Verweile doch, du bist so schön.“ Ein Moment, so perfekt, dass man – wie der berühmte Doktor Faust – seine Seele dafür verkaufen würde? Ganz so dramatisch muss es ja vielleicht nun auch nicht gleich sein. Aber diese besonderen Momente – geglückt, gelungen, wie man sie auch nennen mag, nach denen suchen wir doch alle. Die Marburger Theatergruppe „German Stage Service“ hat sie in den Mittelpunkt eines Programms gestellt, das den passenden Titel „Genau so muss es sein“ trägt.

156 Stunden, also sieben Tage lang, ging es um die Frage, wie man einen gelungenen Moment finden oder kreieren kann. Ihn sich zurechtzimmern? Da wären wir auch schon beim Stichwort. Am Anfang stand nämlich mit dem Bau der entsprechenden Behausung.

Mit gespendetem Holz und freiwilligen Helfern ging es los. Drei Tage lang wurde gebohrt, gesägt und gehämmert. Und schon während der Bauphase fragten die ersten Interessenten, ob sie das ein oder andere Teil nach dem Abbau wohl bekommen könnten. Recycling vom Recycling.

Der Anfang ist entscheidend – bei allem

Fertig war das Haus nie, während der ganzen Woche wurde immer weiter daran gebastelt. Ab Tag vier aber gab es fast rund um die Uhr etwas zu sehen und zu hören im und am Haus. Zum Auftakt eine Weltpremiere, nämlich die Live-Übersetzung eines Textes von John Cage zum Thema Kommunikation.

Sehr passend, denn kommunikativ und interaktiv sollte die Woche werden. Und das wurde sie auch, erzählt Katrin Hylla von German Stage Service. Einen Blick auf das, was grade im Haus vor sich ging, riskierte jeder, der vorbeikam, und viele blieben stehen, tranken einen Kaffee, schauten kurz zu oder auch länger, kamen ins Gespräch.

Rolf Michenfelder und Matti Fischer zogen für ganze 26 Stunden ein. Egal, ob es eine Performance ist, man Sex haben oder einen Roman schreiben will – „der Anfang ist entscheidend“, philosophierten die beiden zu Beginn. Und spielten dann komplett durch, nur drei Stunden Schlaf pro Nase waren genehmigt.

Jede Stunde war einem anderen Thema gewidmet, auf das die beiden sich ein Stück weit vorbereitet haben – aber improvisiert wurde viel. Auch die Zuschauer, die kamen und gingen, mal sehr wenige waren und mal um die 50, konnten sich wünschen, was in der Hütte passieren sollte.

Da konnte es passieren, dass Michenfelder und Fischer sich eine Stunde lang „mal so richtig auf die Fresse hauen“ sollten. Und das nach 17 Stunden Performance. Dennoch, sie taten alles, um dem Wünschenden einen gelungenen Moment zu verschaffen. Und spielten auch dann, wenn kaum einer zusah – immerhin hielt ein Fan bis nachts um 5 Uhr in eine dicke Decke gehüllt durch. Später frühstückte dann eine Wohngemeinschaft im Haus. Eine, die wirklich früher mal zusammengelebt hat.

Stephanie Mehl und Daniel Soll haben sich mit ihren ehemaligen Mitbewohnern getroffen – „und es war wirklich so, als hätten wir uns nur zum Frühstück getroffen, man vergisst die Zuschauer irgendwann“, sagten die beiden. Mitgebracht hatten sie, was man so braucht, um sich wohlzufühlen – Bilder, Blumen. Emmy und Erik, drei Jahre alt, spielten währenddessen tiefenentspannt.

Es gab zwei Kochperformances mit dem „beste Essen der Welt“ von Kajetan Skurski und einem Essen, das aus all dem entstand, was das Publikum mitgebracht hatte. Nina Firl las, David Ronner zeigte einen Film, die Kurhessische Kantorei probte, eine Tanzgruppe studierte einen Tanz ein, ein frisch vermähltes Brautpaar gab sich seinen ersten Kuss als Ehepaar im Holzhaus.

1200 Dominosteine purzelten tatsächlich alle hintereinander um, bei einer Kopfhörerparty tanzten 40 Menschen auf dem Platz, und selbst dem Sturm am Samstag trotzte die Konstruktion, bei deren Aufbau immerhin ein erfahrener Zimmermann die Aufsicht geführt hatte.

Manch einer fand es schade, dass das Haus (Foto: Döhn) nach genau einer Woche wieder abgebaut wurde. Aber gelungene Momente dauern nun einmal meist nicht sehr lang. Bleiben dafür aber nachhaltig in Erinnerung.

von Nadja Schwarzwäller und Heike Döhn

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