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Eine Welt ohne Leid und ohne Liebe

Kino: Hüter der Erinnerung Eine Welt ohne Leid und ohne Liebe

Ist es ein Leben ohne Schmerz, Krieg und Gewalt wert, auf Liebe, Farben und Individualität zu verzichten? Um diese Frage dreht sich das Science-Fiction-Drama „Hüter der Erinnerung“.

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Jeff Bridges ist „The Giver“. Er weist Jonas in seine Aufgaben als „Hüter der Erinnerung“ ein. Bald zweifelt der Junge am System. Foto: StudioCanal/David Bloomer

Quelle: David Bloomer

Marburg. Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein, ist es das meistens auch. Das Science-Fiction-Drama „Hüter der Erinnerung“ zeigt das einmal mehr: Jonas lebt in einer scheinbar perfekten Welt. Er kennt keine Gewalt, keinen Krieg und keine Sorgen. Nach dem Schulabschluss weist die Chefälteste - verkörpert von Meryl Streep - jedem eine Bestimmung zu. Für Jonas ist das eine besondere: Er soll die Erinnerung hüten - an die Welt vor dieser vermeintlichen Utopie. Dabei bröckelt die makellose Fassade allerdings gewaltig.

„Hüter der Erinnerung“ basiert auf dem gleichnamigen Besteller von Lois Lowry, den Regisseur Phillip Noyce („Salt“) mit hochkarätiger Besetzung verfilmt hat. Neben Meryl Streep und Jeff Bridges sind etwa Katie Holmes und Alexander Skarsgård zu sehen.

Der Stoff greift gleich mehrere gesellschaftliche Themen auf, darunter staatliche Überwachung, Geburtenkontrolle, Datenschutz und Individualität innerhalb den Normen und Regeln einer Gemeinschaft. Denn in der schönen, neuen Welt gibt es nicht nur kein Leid - es gibt auch keine Liebe. Farben wurden abgeschafft, um Neid zu verhindern. Auch Individualität existiert nicht, Familien leben unabhängig von ihrer Verwandtschaft in Gemeinschaften zusammen.

Dass das einmal anders war, erfährt Jonas (Brenton Thwaites) von seinem Vorgänger, einen schnoddrigen, aber liebenswerten Einsiedler - verkörpert von Jeff Bridges („True Grit“). Schnell wird klar: Die bloße Erinnerung reicht Jonas nicht - er will die chaotische alte Welt zurück. Den Grund fasst er in einer Frage zusammen: „Wenn man keine Gefühle hat, wofür lebt man dann überhaupt?“.

Der Fantasy-Stoff ist bisweilen ein wenig pathetisch und offen bleibt auch die Frage, warum in der Rundum-Sorglos-Welt das Bewahren von Erinnerungen an eine weniger keimfreie Zeit überhaupt für nötig gehalten wird. Insgesamt ist der Film aber durchweg spannend und regt zum Nachdenken an.

Dass Jonas zurück zur fehlerhaften, aber gefühlvollen Welt will, liegt natürlich auch an einer Frau. Seine Freundin arbeitet auf der Säuglingsstation und soll dort - freilich ohne die Verwerflichkeit ihres Tuns zu ahnen - ausgemusterte Kinder töten. Doch nicht nur deswegen will Jonas ihr die Augen öffnen: Er hat sich in sie verliebt und will ihr seine Gefühle zeigen.

Dabei gibt es aber ein Problem: Die Ältesten der neuen Welt überwachen sein Tun über flächendeckende Kameras mit Argusaugen. Utopie-Chefin Meryl Streep beamt sich mit weißer Wallemähne zudem an beliebige Orte, um Jonas zu stoppen - lange gelingt ihr das jedoch nicht.

Eine Erklärung für solche übermenschlichen Fähigkeiten liefert der Film zwar nicht. Wer sich jedoch auf einen Schuss Fantasie einlässt, dürfte an dem bildgewaltigen Science-Fiction-Drama durchaus Freude haben - und etwas, das zu schön klingt, um wahr zu sein, künftig wohl stärker hinterfragen.

Der Film startet im Cineplex und im Capitol.Buchtipp: Lois Lowry: „Hüter der Erinnerung“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 272 Seiten, 9,95 Euro.

von Antonia Lange

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