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Eine Show ohne denkwürdige Momente

Lars Reichow Eine Show ohne denkwürdige Momente

Der 52-jährige Mainzer Lars Reichow präsentierte 200 Zuschauern in der Stadthalle eine durchwachsene Show. Das lag eher an den politischen Themen, die er behandelte, als an der Qualität seiner Musik.

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Eher berechenbare Comedy als intelligentes Kabarett: Lars Reichows Programm „Freiheit“ fehlte es in der Marburger Stadthalle am roten Faden und einer greifbaren Botschaft.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Lars Reichows Talent ist unbestritten. Im feinen Zwirn und Lederschuhen redet der Entertainer galant und charmant daher, entlockt dem Flügel gute Melodien, besticht streckenweise mit gewieften Texten. Doch dem zweiten Element seiner Show, das mitunter auch politische Kabarett, mangelt es an Substanz, rotem Faden und Durchblick.

Raffiniert, aber letztlich durchschaubar, zieht der Mainzer die Zuschauer gleich zu Beginn seiner Darbietung auf seine Seite. Er fordert ein von Humanismus, Toleranz und offenen Grenzen geprägtes Europa. Solche Aussagen lässt Reichow einfach so im Raum stehen. Das hört sich alles sozial und romantisch an. Das Wie bleibt der Entertainer jedoch schuldig. Doch freilich klatscht das Publikum.

Politische Themen kommen bei Reichow eher kurz. Das ist auch gut so, denn der 52-Jährige lässt jeglichen politischen Durchblick vermissen. Auch Gedankenanstöße gibt es keine. So suhlt sich der Mainzer in Kritik an US-Präsidenten Donald Trump, den er als den „rassistischsten, chauvinistischsten und schlechtesten Präsidenten aller Zeiten“ bezeichnet. Mag sein, aber den twitternden Multimilliardär mit der fragwürdigen Frisur auf‘s Korn zu nehmen, ist nun wirklich keine Herausforderung. Und wenn Trump nicht der Schurke ist, dann sind es Nordkoreas Machthaber Kim Jong Il oder Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin. Mit intelligentem Kabarett hat das Ganze somit wenig zu tun, sondern eher mit berechenbarer Comedy.

Chose führte im Grunde ins gedankliche Nirvana

Auch der Name von Reichows Bühnenprogramm hält nicht, was er verspricht. Unterm Strich steht die Aussage: Jeder Mensch habe eine unterschiedliche Definition von Freiheit. Für den einen mag es das Flüchten vor dem Krieg nach Deutschland sein, für den anderen der freie Tag im heimischen Schlafzimmer. Weniger Verbreiten von Binsenweisheiten und mehr gewitzte philosophische Ansätze hätten dem Programm gut getan und das Gerede über Freiheit auf eine höhere Ebene katapultiert. An klugen Köpfen, die sich über die Freiheit des Individuums Gedanken gemacht haben, mangelt es in der Geschichte der Menschheit ja sicher nicht. Wenn Reichow geschlagene zehn Minuten von einem freien Tag schwadroniert, an dem er sich die Mundwinkel mit Nutella zuklebt, um kurz darauf mit Rotwein nachzuspülen und im Suff die Treppe herunterzusegeln oder wenn er „Cappuccinesen“ für seine Freunde zubereitet, obwohl er das mit seinem umweltbewussten Gewissen eigentlich nicht vereinbaren kann, fragt man sich, wo das alles hinführen soll. Welche Aussage steht dahinter?

Als Reichow seinen Redefluss beendet und sich wieder am Flügel zu schaffen macht, ist die Antwort klar: Die Chose führte im Grunde ins gedankliche Nirvana. Ohnehin wirken die verschiedenen Themen zu zusammenhangslos. Doch das Programm „Freiheit“ hat auch starke Seiten. Beispielsweise einen Song über ein Telefonat zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin, bei dem Reichow zwischen den Melodien der Hits von Dschingis Khans „Moskau“ und Henry Valentinos „Im Wagen vor mir“ hin und her hüpft. Da blitzen Reichows Kreativität und Genie auf.

Der Mann, der sein Instrument gut beherrscht, besticht noch mit anderen guten Melodien und witzigen sowie aberwitzigen Songtexten. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Programm an denkwürdigen Momenten fehlt.

von Benjamin Kaiser

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